Historisches

Texte zur Geschichte der Musikalischen Komödie für die Website der »Freunde und Förderer der Musikalischen Komödie Leipzig e.V.«

von Hendrik Reichardt, 2021

Hedrik Reichardt studierte an den Musikhochschulen Leipzig und Weimar Orchestermusik, Musikpädagogik und Improvisation mit dem Hauptfach Posaune. Er ist Mitglied des Orchesters der Musikalischen Komödie und publiziert nebenberuflich seit 2007 (u.a. im Pfau-Verlag Saarbrücken). Die Texte zur Geschichte der Musikalischen Komödie entstanden für die Website des Vereins »Freunde und Förderer der Musikalischen Komödie e.V.« und sind urheberrechtlich geschützt. Verwendungsanfragen sind an den Verein zu richten.

Das 1912 im Reformstil mit Elementen des Jugendstils errichtete Theater im Gebäudekomplex »Drei Linden« im Leipziger Stadtteil Lindenau hatte in seiner Geschichte unterschiedliche Nutzungen, bevor 1960 das traditionsreiche Leipziger Operettenensemble einzog und das Theater 1968 seinen heutigen Namen erhielt. Die Musikalische Komödie erstrahlt seit ihrer 2021 fertiggestellten Renovierung und baulichen Umgestaltung in neuem Glanz.

Das Ensemble kann auf eine lange und reiche Geschichte zurückblicken: Diese beginnt nicht etwa erst 1968, als es zusammen mit der Theaterbenennung seinen heutigen Namen »Ensemble der Musikalischen Komödie« erhält. Auch nicht 1960, als es noch »Ensemble des Operettentheaters Leipzig« heißt und seine heutige Spielstätte beziehen kann. Sie beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Ensemble buchstäblich zentral und mondän in der Bosestraße am Leipziger Innenstadtring beheimatet ist, und zwar im 1900 bis 1902 erbauten »Centraltheater«, ab 1906 genannt »Neues Operettentheater Leipzig«.

Die Musikalische Komödie Leipzig ist ein Musiktheater mit eigenem Solistenensemble, Orchester, Chor und Ballett. Zusammen mit der Sparte Oper und dem Leipziger Ballett ist sie Bestandteil des städtischen Eigenbetriebs Oper Leipzig. Mit ihrem künstlerischen Profil hat sich die Musikalische Komödie ausschließlich der heiteren Muse verschrieben: vor allem der Operette sowie dem Musical. Daneben spielt seit einigen Jahren Musiktheater für Kinder und Jugendliche in Form spezieller Opern- und Ballettproduktionen eine wichtige Rolle. Gebäudekomplex »Drei Linden«

Das 1912 im Reformstil mit Elementen des Jugendstils errichtete Theater im Gebäudekomplex »Drei Linden« im Leipziger Stadtteil Lindenau hatte in seiner Geschichte unterschiedliche Nutzungen, bevor 1960 das traditionsreiche Leipziger Operettenensemble einzog und das Theater 1968 seinen heutigen Namen erhielt. Die Musikalische Komödie erstrahlt seit ihrer 2021 fertiggestellten Renovierung und baulichen Umgestaltung in neuem Glanz.
Der Ort, an dem heute die Musikalische Komödie steht, kann auf eine mehr als 550-jährige Geschichte zurückblicken. Ausgangspunkt ist eine an der alten Handelsstraße Via Regia erbaute Gastwirtschaft im damaligen Dorf Lindenau. 1465 wird sie anlässlich eines dort abgeschlossenen Vertrages zwischen dem Leipziger Rat und den Rittern Hans und Albrecht von Lindenau, die in diesem Jahr ihren Stammsitz von Lindenau nach Schloss Machern verlegen, erstmals urkundlich erwähnt. 1680 erhält sie das Privileg zur Einführung »fremder Biere«: Fortan dürfen Eilenburger und Torgauer Bier ausgeschenkt werden. 1713 wird infolge eines Brands ein größerer barocker Bau errichtet und »Zu den drei Linden« genannt. Linden, welche als Hausbäume für Loyalität, Geselligkeit sowie erarbeitetes Vermögen stehen, sind Namensstifter zahlreicher Orte und ganzer Städte, so geht der Name der Stadt Leipzig ebenfalls auf das Wort Linde zurück. Im 18. Jahrhundert liegt der Gasthof vor den Toren der Stadt im Grünen, ist ein beliebtes Ausflugsziel und hat neben einem Ballsaal einen geräumigen Garten. In diesem lagern während der Völkerschlacht 1813 französische Soldaten. Im 19. Jahrhundert finden neben Tierschauen, zu denen sogar der sächsische König Johann anreist, allsommerlich Theateraufführungen statt (beispielsweise die Operetten »Der Mikado« von Arthur Sullivan oder »Giroflé-Giroflá« von Charles Lecocq um 1900). Im Zuge der Industrialisierung erhält der Gasthof 1882 Straßenbahnanschluss. Nach der Eingemeindung Lindenaus wird die Trasse 1896 elektrifiziert. Der inzwischen mitten in städtischer Bebauung befindliche alte Gasthof wird 1910 abgebrochen und durch das heutige, erheblich größere Gebäudeensemble ersetzt.

Der Name »Drei Linden« als ehemalige Gasthofbezeichnung wird für den 1912 errichteten Bau übernommen, da der erste Eigentümer – die »C.W. Naumann Brauerei AG« – in diesem Gebäudekomplex neben Wohnungen, Geschäften und Werkstätten ebenfalls eine Gastwirtschaft mit zwei Sälen, dem »Venussaal« und einem »Concert- und Ballsaal« mit Bühne, Bierschwemme im Parterre und einem Weinlokal auf der Empore, errichtet. Im Mittelpunkt der von Architekt Friedrich Otto Gerstenberger für die Brauerei ausgearbeiteten Konzeption steht die räumliche Nähe von Arbeiten, Wohnen und Feiern innerhalb eines einzigen Gebäudekomplexes – eine bauliche Eigenart Leipzigs, die an ebenfalls in dieser Zeit entstehende Passagebauten erinnert. Denn die Festsaal- und Wohnnutzung sind architektonisch so verschränkt, dass sie ein einheitliches Ganzes bilden. »Drei Linden« bezeichnet nun das gesamte, heute unter Denkmalschutz stehende viergeschossige Gebäudeensemble von der Dreilindenstraße über die Frankfurter Straße (heute Zschochersche Straße) bis zur Lützner Straße mit allen Bestandteilen. Das Zentrum bilden die »Gesellschafts- und Festsäle«, die heute als Zuschauersaal und als »Venussaal« Bestandteile der Musikalischen Komödie sind.

Die gewölbte, freitragende Spannbetondecke mit ihren zahlreichen Kassettenelementen ist zur Einweihung des Hauses am 25. Dezember 1912 eine architektonische Sensation. Sie bedeckt eine Fläche von 26 Metern lichte Breite und 33 Metern Länge und zählt damit zu den größten Konstruktionen, die in dieser Art bis dahin ausgeführt worden sind. Genutzt wird der große Festsaal der Naumann-Brauerei, der gleichzeitig eine der größten Bierhallen der Stadt ist, zunächst für Unterhaltungskonzerte und heitere Theaterstücke wie sie bisher im Sommertheater stattgefunden haben. Kapellmeister Gustav Curth vom Leipziger »Krystallpalast« spielt hier öfters mit seinem privaten »Leipziger Konzertorchester«. Sänger aus Leipzig und anderen sächsischen Städten, darunter die damals berühmten Chöre Barnet Lichts, gastieren. Während der Leipziger Messe finden abends »Grosse Mess-Bälle« statt. Auch die Politik gibt sich von Anfang an in diesem Haus die Ehre: Am 23. Mai 1913 feiert die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hier das 50-jährige Bestehen der in Leipzig begründeten deutschen Sozialdemokratie mit einem großen Festakt.
Gegen Ende des Ersten Weltkriegs verkauft die C.W. Naumann Brauerei AG Anteile an den »Gesellschafts- und Festsälen« im Gebäudekomplex Drei Linden an das Leipziger Bankhaus »Wagner & Co«. Dieses lässt 1918 den Umbau der Festsäle zu einem Varietétheater nach Plänen des Leipziger Architekten Alfred Liebig durchführen. Das Foyer und die Säle bekommen neue kunstvolle Malereien und Ornamente, große Kronleuchter und modernes großstädtisches Mobiliar, teils mit Elementen im Stil des »Art Déco«. Der Bühnenraum wird erweitert und ein eiserner Vorhang eingezogen. Ein »kinematographischer Apparat« in einem Bildwerferraum ermöglicht die Vorführung von Stummfilmen. Für deren musikalische Begleitung sowie für das Zusammenspiel mit der Bühne wird ein flacher Orchestergraben eingebaut. Dienunmehr feste Bestuhlung im großen Saal sowie im Rang bietet nahezu 2000 Zuschauern Platz. Am 20. Oktober 1918 wird das Varietétheater unter der Direktion von Kurt Kaiser und Curt Schaeffer feierlich eröffnet.

Diese aufwendige Investition müsste sich eigentlich rechnen, doch die damaligen Investoren können leider nicht in die Zukunft sehen: Sie wissen noch nicht, dass drei Wochen später das Kaiserreich zusammenbrechen wird, mit der Ausrufung der Republik und dem Ende des Ersten Weltkriegs bürgerkriegsartige Unruhen im Land ausbrechen, in denen kaum etwas fernerliegt als ein Theaterbesuch. Zeitweise werden Theater und Vergnügungsstätten von der Regierung wegen Ausrufung des Ausnahmezustands aufgrund zahlreicher Putschversuche geschlossen. Die wirtschaftliche Not der Bevölkerung steigert sich ungemein durch eine Wirtschaftskrise infolge der Verschuldung des Reiches sowie wegen der an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs zu zahlenden Reparationen. Die Währung verliert in einer beispiellosen Inflation bis 1923 ihren Wert, die Bevölkerung verarmt und die Wirtschaft kollabiert. Unter solchen Bedingungen ist an eine Refinanzierung des teuer hergerichteten Etablissements kaum zu denken. Am 1. Oktober 1923 gibt das Bankhaus Wagner & Co eine Aktie auf das Varietétheater aus. Das Hanseatische Handelskontor für historische Wertpapiere schreibt hierzu: »Der Betrieb lief in der schlimmen Inflationszeit nicht besonders gut und produzierte Verluste, zu allem Überfluss musste dann 1925 auch noch das Guthaben beim Bankhaus Wagner & Co. abgeschrieben werden, da die Bank selbst insolvent wurde. Die Gläubiger unterstützten die im Freiverkehr Leipzig börsennotierte AG noch durch ein Moratorium, doch 1926 geriet sie in Konkurs. 1927 wurde die Fortsetzung beschlossen, 1929 übernahm die Berliner Scala-Lichtspielgesellschaft die Aktienmehrheit und verlegte das Unternehmen nach Berlin W 62 (Lutherstr. 22-24), 1932 umbenannt in ‚Dreli-Theater‘ AG. Die Weltwirtschaftskrise machte der AG 1933 endgültig den Garaus. Der Leipziger Betrieb war schon Jahre zuvor in die ‚Drei Linden GmbH‘ überführt worden, an der die Brauerei C.W. Naumann AG mit 50 % beteiligt war« (HHK 2021).

Einen künstlerischen Betrieb hat es während der gesamten Zeit gegeben. Nachgewiesen sind neben Humoristen wie Otto Reuter zahlreiche Künstler des Neuen Operettentheaters Leipzig (vgl. Geschichte des Ensembles), die hier gastieren wie beispielsweise Erika Körner 1938. Zwei Jahrzehnte später wird mit dem Leipziger Operettenensemble ausgerechnet die Konkurrenz der damaligen Zeit zum neuen Hausensemble und bleibt es bis heute. Das Varietétheater gibt eine eigene Zeitschrift heraus, die »3-Linden-Illustrierte«, die für jeden Monat das Programm anzeigt. Große »Ausstattungsrevuen« werden geboten, beispielsweise unter der Gastspieldirektion des Wiener Schauspielers und Theaterleiters Anton Tiller. Der Spielbetrieb dauert bis in den Zweiten Weltkrieg an. Die »C.W. Naumann Brauerei AG« als Eigentümer des Varietés sowie des Gebäudekomplexes Drei Linden existiert bis zu ihrer Enteignung 1946.
Im Zuge des ersten großen alliierten Luftangriffs auf Leipzig am frühen Morgen des 4. Dezember 1943 werden neben zahlreichen Gebäuden auch alle Theater Leipzigs zerstört – mit Ausnahme des Varietétheaters »Drei Linden«. Das »Neues Theater« genannte damalige Opernhaus am Augustusplatz ist nicht mehr zu retten. Das Opernensemble bekommt als Interim das Lindenauer Varieté zugesprochen und spielt dort nach minimalen Umbauarbeiten ab dem 27. Februar 1944 mit Webers »Der Freischütz« weiter bis zu seinem Einzug in das neuerbaute jetzige Opernhaus 1960. Unterbrochen wird der Spielbetrieb durch den »Totalen Krieg« ab September 1944 und wiederaufgenommen am 29. Juli 1945 mit Beethovens »Fidelio«. Interessant ist die Nutzung des Hauses als eines der wenigen verfügbaren Versammlungsorte in Leipzig an der Schnittstelle der beiden deutschen Diktaturen: Am 6. und 7. Januar 1945 finden NS-»Feierstunden für Angehörige aller Gefallenen des Kreisgebietes Leipzig« statt, am 11. Februar eine weitere Veranstaltung »für Verwundete und Genesende« der Wehrmacht. In der kurzen Zeit der US-amerikanischen Besatzung in Leipzig vom 18. April bis zum 2. Juli 1945 fungiert das Haus als amerikanische Truppenbetreuungs-Spielstätte. Nach Übergabe West- und Nordsachsens an die sowjetische Besatzungsmacht wird das Haus sofort für politische Veranstaltungen weiterbenutzt. Erich Zeigner, wenige Monate zuvor noch Häftling im KZ Buchenwald, spricht hier während Versammlungen der SPD. Auf dem Weg zur späteren Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED findet am 3. und 4. November 1945 eine gemeinsame Funktionärskonferenz im Theatersaal statt, an der unter anderem auch der aus der Emigration zurückgekehrte spätere Staatschef der DDR Walter Ulbricht teilnimmt.

Für die dauerhafte Nutzung des Theaters für das Opern- und ab 1960 für das Operettenensemble sind weitere Umbauten notwendig, mit denen der damalige technische Direktor Oswald Ihrke betraut wird. Das Gleichstromsystem wird durch Wechselstrom ersetzt, ein provisorischer größerer Orchestergraben eingebaut. 1952 kommt es zu umfangreicheren Umbauarbeiten. Unter anderem entsteht ein Parkettumlauf, die alte Spannbetondecke verschwindet hinter einer eingezogenen Zwischendecke, Ornamente und Figuren an der Fassade und im Gebäude werden entfernt, das Haus im Zeitgeschmack der 50er Jahre angepasst, die Bühne wird um mehr als fünf Meter Richtung Zuschauerraum verlängert, der Mittelrang Richtung Bühne vergrößert, wesentliche Bühneneinbauten werden vorgenommen oder verändert (Schnürboden, Bühnenportal, eiserner Vorhang, Beleuchterbrücke, fahrbare Beleuchtertürme, Stellwerk). Der Saal reduziert sich von 1750 auf 1193 Zuschauerplätze. Unter diesen Bedingungen wird auch nach dem Einzug des Operettenensembles 1960 und der Benennung in »Musikalische Komödie« gespielt, im Grunde genommen bis zur Teilsanierung 1992.
In der Spielzeitpause im Sommer 1960 verlässt das Opernensemble das seit 1944 genutzte ehemalige »Varieté ‚Drei Linden’« und zieht wieder in die Innenstadt in das neuerrichtete Opernhaus. Gleichzeitig verlässt das Ensemble des Operettentheaters sein als Interim verstandenes Haus am Lindenauer Markt und zieht in das geräumigere Theater in der Dreilindenstraße ein. Dieses ist von der Platzkapazität her wieder eher mit dem ursprünglichen, im Zweiten Weltkrieg zerstörten »Neuen Operettentheater« vergleichbar, und wird zu dessen dauerhaftem Zuhause. In Konsequenz der Repertoireerweiterung durch Musical und komische Oper bekommt das Haus 1968 den Namen »Musikalische Komödie«. Mit gegenwärtig über 60 Jahren erfolgreicher, weit über die Stadt hinaus strahlender künstlerischer Produktion ist die Nutzung durch das jetzige Ensemble sicherlich mit Abstand die kontinuierlichste und fruchtbarste Zeit, die dieses Leipziger Theaterhaus bisher gesehen hat. In gewisser Hinsicht bildet der Einzug des Leipziger Operettenensembles auch eine künstlerische Brücke zur Nutzung des Theaters vor dem Zweiten Weltkrieg, als im »Varieté ‚Drei Linden’« unter anderem zahlreiche Künstlerinnen und Künstler des Neuen Operettentheaters gastierten. Das bisherige Operettenhaus am Lindenauer Markt wird nach 1960 eine Bühne für studentisches Kabarett und Laienspiel und ist heute Sitz des »Theaters der Jungen Welt«.

Premieren-Feuerwerk zum Einzug. Der künstlerische Beginn im neuen Haus geschieht durch ein regelrechtes Eröffnungs-Feuerwerk von gleich drei Premieren innerhalb der ersten elf Tage. Auf Carl Zellers »Vogelhändler« am 20. August 1960 folgen die Erstaufführung der im Hafen von Odessa spielenden Operette »Wale, Liebe und Matrosen« von Isaac Dunajewski am 24. August und schließlich die Vaudeville-Operette »Mam’zelle Nitouche« von Florimond Hervé am 31. August 1960. Dazwischen gibt es nicht etwa Pausentage für Umbauten, Proben oder dergleichen, sondern neben weiteren Vorstellungen der genannten Werke sogar noch zwei Wiederaufnahmen von Stücken aus dem Operettentheater am Lindenauer Markt: Offenbachs »La Périchole« am 21. August, das in dieser Inszenierung von Heinrich Voigt im April 1960 vom Fernsehen aufgezeichnet worden war, sowie Millöckers »Madame Dubarry« am 23. August 1960. All das ist unter anderem nur möglich durch Einstudierarbeiten in der vorherigen Spielzeit, die im Operettentheater am Lindenauer Markt stattgefunden haben. Es belegt neben dem unglaublichen Arbeitspensum aller Beteiligter auch die Kontinuität im Bestehen des Ensembles.

Komfort und sein Preis. Mit dem neuen, größeren Theaterbau geht auch eine Vergrößerung des Ensembles (Solisten, Chor, Ballett) einher: Das Orchester wird aufgestockt auf 62 Planstellen. Zu dessen Einsatz im Schauspiel kommt nun auch das Bespielen der Bühnenmusik im Opernhaus hinzu, letzteres ist bis heute eine Aufgabe des Orchesters. Ballett und Chor werden ebenfalls sowohl im Schauspielhaus wie im Opernhaus eingesetzt. Der Zuschauerraum, der Orchestergraben, das Bühnenhaus, sie alle sind im neuen Haus wesentlich größer und bieten im Vergleich zur kommoden Enge des alten Operettentheaters neue technische und künstlerische Möglichkeiten. Aber dieser Komfort hat andererseits einen hohen Preis: der angestammte, wohlbekannte Name des Ensembles muss aufgegeben werden. Diese Entscheidung ist folgenschwer: Durch die mit dem Wechsel der Spielstätte verbundenen Änderung des Namens von »Operettentheater Leipzig« auf »Kleines Haus der Leipziger Theater« verschwinden der bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreichende Bezug zur spezifischen Tradition dieses Ensembles als Hauptinterpreten der Operette in Leipzig – zuerst nur aus dem Namen und folglich irgendwann auch aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Neue Gattungen im Spielplan. Die Benennung »Kleines Haus« resultiert damals aus dem Vorhaben, dieses Theater von den Zuschauerplätzen, nicht aber vom Genre her gegenüber dem neuen, mehr Publikum fassenden Opernhaus abzugrenzen. Inhaltlich sollten Operetten neben komischen und ernsten Opern sowie Balletten lediglich noch einen Teil des Repertoires ausmachen. Diese Zielsetzung wird allerdings nur zeitweilig durchgehalten. Bereits Direktor Erhard Fischer bringt als Regisseur am 23. November 1965 erstmals ein Broadway-Musical im Haus zur Premiere: Cole Porters »Kiss me, Kate«. Sein Nachfolger Wolfgang Weit, ebenfalls Regisseur, nutzt die längst begonnene Popularität des Musicals auch in der DDR für Leipziger Erstaufführungen wie Frederic Loewes »My Fair Lady«, Peter Kreuders »Bel Ami« und Harold Romes »Fanny«, sowie die künstlerische Strahlkraft innovativer Operetteninszenierungen und entwickelt bis 1968 eine neue Konzeption für diese Bühne, die schließlich zur heutigen Namensgebung »Musikalische Komödie« führt. Doch zunächst führt das Ensemble im »Kleinen Haus« in der Spielzeit 1960/61 Stücke der Oper fort: Mozarts »Così fan tutte«, Adams »Der Postillon von Lonjumeau« oder das Ballett »Eine Tochter Kastiliens« von Glière. Opern von Haydn, Mozart, Lortzing, Donizetti, Rossini, Puccini bis Britten feiern in den nächsten Jahren Premiere. Höhepunkte dieses Repertoires sind sicherlich die Joachim-Herz-Inszenierung von Brecht/Weills »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« und die Erstaufführung der Revolutionsoper »Der letzte Schuss« von Siegfried Matthus 1967. Das Leipziger Ballett unter Emmy Köhler-Richter tritt in den 1960er Jahren auch im Kleinen Haus auf. Ballettabende mit Musik von Gershwin, Weill, Chatschaturjan, Prokofjew und Strawinsky liegen den bisherigen Operettenmusikern ebenfalls und sind neben dem Operettenrepertoire auch beim Publikum sehr beliebt.

Grandseigneur mit nachhaltigem Erbe. Vor allem gelingt es den Verantwortlichen in Haus und Ensemble, künstlerisch die Geschichte der Leipziger Operette mit weiteren Erfolgen fortzuschreiben. Der Wiener Kapellmeister und Komponist Adolf Hofmann als Grandseigneur am Haus dirigiert einerseits das klassische Operettenrepertoire (»Die Csárdásfürstin«, »Das Spitzentuch der Königin«, »Mamz’elle Nitouche«), bringt aber auch in seinen letzten Spielzeiten noch Leipziger Erstaufführungen heraus wie Fred Waldes Operette »Schwarze Rosen« über die Bürgerrechtsbewegung in den USA (1961) oder Gerd Natschinskis »Messeschlager Gisela« (1962) mit explizitem Leipzig-Sujet. Dieses Gespür für das sich zu engagieren lohnende Neue verbindet ihn übrigens mit dem späteren langjährigen Chefdirigenten des Orchesters, Roland Seiffarth. Dieser wird 50 Jahre später ebenfalls am Ende seines Wirkens am Haus die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals »Lend Me A Tenor« leiten (2013) und damit seine Dirigentenlaufbahn mit einem vielbeachteten Erfolg krönen. So geht es Adolf Hofmann auch, der seit 1939 mit dem Ensemble als musikalischer Leiter verbunden ist und es mit seinem aus persönlicher Bekanntschaft mit zahlreichen Operettenkomponisten heraus entwickelten Stil geprägt hat, vom Neuen Operettentheater in der Bosestraße bis zur heutigen Musikalischen Komödie in der Dreilindenstraße. Hofmann bringt mit »Messeschlager Gisela« gegen Abschluss seiner Karriere erstmals ein Stück des jungen Gerd Natschinski auf die Leipziger Bühne, dessen Erfolg für das zukünftige künstlerische Profil dieses Theaters richtungsweisend ist. Zusätzlich eröffnet er damit eine Natschinski-Musical-Serie am Haus, die bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts anhalten wird.

Tragfähiges künstlerisches Profil und einmaliger Name. Das »Kleine Haus« operiert künstlerisch sehr breit aufgestellt zwischen großer und zeitgenössischer Oper, Ballett, Singspiel, Operette und beginnendem Musical. Besondere Erfolge erzielen aber nach wie vor Operetten, besonders Klassiker von Offenbach (»Orpheus in der Unterwelt«, »Pariser Leben«, »Die schöne Lurette«, »Die Banditen«) sowie Millöcker, Strauß und Fall. Uraufführungen neuer, musikalisch zum Musical tendierender Operetten (»Urlaub ins Glück«, »Rund ist die Welt« von Wolfram Heicking) und Erstaufführungen im Haus wie »In Frisco ist der Teufel los« von Guido Masanetz 1965 unter Kapellmeister Diether Noll sind allerdings im Vergleich so erfolgreich, dass der Plan gefasst wird, sich wieder mehr auf dieses Repertoire zu fokussieren und die Bandbreite der Genres Operette, komische Oper und Musical durch einen übergeordneten Theater- und Ensemblenamen auszudrücken. Direktor Wolfang Weit findet eine solche Bezeichnung, welche wie die Berliner »Komische Oper« selbst ein Genrebegriff ist und gleichzeitig das Repertoire unter einem schlagkräftigen Namen zusammenfasst. Dieser wird in Abstimmung mit dem Generalintendanten der Leipziger Theater Prof. Karl Kayser zu Beginn der Spielzeit 1968/69 dem Theaterhaus und damit auch dem Ensemble selbst verliehen: er lautet »Musikalische Komödie«. Im Interview mit Pressereferentin Martina Aurich begründet Wolfgang Weit diese Entscheidung mit der Tatsache, dass das »Kleine Haus« damals mit 1193 Plätzen das sechstgrößte Theater der DDR ist (und damit fast genauso viele Plätze hatte wie das Opernhaus heute) und man außerdem inhaltlich keine Kammerbühne für kleine Formen des Musiktheaters sei. Diese werden nämlich im Kellertheater des Opernhauses, das übrigens mit der Produktion von Strawinskys »Geschichte vom Soldaten« 1969 musikalisch eine Domäne des Orchesters der Musikalischen Komödie wird, geboten. Sondern man wolle mit der Namensgebung »ein bestimmtes Genre nach außen hin kenntlich machen: Von der Oper bis zum Singspiel, von der Wiener über die nachklassische Operette bis zum Musical – das alles sind Formen der »MUSIKALISCHEN KOMÖDIE«. Die erste Premiere unter neuem Theateramen ist ein Broadway-Musical: Cole Porters »Can-Can« am 2. September 1968. Es ist Wolfgang Weits unschätzbares Verdienst, dem Ensemble und dem Haus ein spezifisches Profil und einen schlagkräftigen Namen gegeben zu haben, der obendrein als kluger Schachzug einmalig und unverwechselbar ist – übrigens weitblickenderweise damals schon und bis heute in ganz Deutschland.
»Name verpflichtet«: Das Programm der »Musikalische Komödie«. Nachdem Direktor Wolfgang Weit gemeinsam mit der Generalintendanz den neuen Theater- und Ensemblenamen »Musikalische Komödie« proklamiert hat, der für Operette, Musical und auch die komische Oper Raum gibt, gilt es, ihn mit Leben zu füllen. Die ersten Premieren als »Musikalische Komödie« in der Spielzeit 1968/69 sind Cole Porters Paris-Musical »Can-Can« am 2. September, gefolgt von Benjamin Brittens heiterer Kammeroper »Albert Herring« am 15. September. Als erste Operette unter neuem Namen erscheint am 17. November Millöckers »Gasparone«. Gisela May vom »Berliner Ensemble« gastiert im Dezember 1968 in Brecht/Weills »Die 7 Todsünden der Kleinbürger«. In den 70er und 80er Jahren gibt es ein ausgeprägtes Solistenensemble mit zahlreichen Publikumslieblingen. Unter vielen anderen sind das damals Christa Nowak, Ilha Kürten, Christel Guck, Barbara Helgert, Brigitte Kreuzer, Angela Mehling, Anne-Kathrin Fischer, Edgar Wählte, Dieter Scholz, Walter Reimsbach, Hans-Gottfried Henkel, Hans-Peter Eichhorn, Dietrich Hergt, Manfred Brendel, Piotr Kolodziej, Folker Herterich und Karl Zugowski. Lisa Thomas-Muschau und Werner Ebert sind die letzten Eminenzen aus der Zeit des Neuen Operettentheaters im Ensemble. Neben Chefdirigent Walther Hessel und ab 1978 Roland Seiffarth stehen die Kapellmeister Werner Feder und Ralph Rank am häufigsten am Pult.

Musicals aus Fern und Nah. Das Spielen von Musicals setzt sich in der Musikalischen Komödie in den nächsten Jahren im begonnenen zweigleisigen Verfahren fort: Einerseits gelangen Broadway- und internationale Musicals bis 1990 zur Erstaufführung für die DDR (unter anderem Mitch Leighs »Der Mann von La Mancha«, Udo Jürgens‘ »Helden, Helden«, Robert Wrights »Kismet«, Ferry Olsens »Wonderful Olly«) oder sind erstmals in Leipzig zu sehen (»Hello, Dolly!« 1972, »Cabaret« 1977, »Sweet Charity« 1981, »Annie get Your Gun« und »Alexis Sorbas« 1982, »Show Boat« 1984, »Oklahoma!« 1985, »Sugar« 1989). Andererseits pflegt man das sich seit Ende der 50er Jahre entwickelnde Repertoire der auf dem Gebiet der DDR entstehenden Musicals. Komponisten wie Conny Odd (»Karambolage«, »Olala, Mademoiselle«, Uraufführung 1972), Alo Koll (»Die Wette des Mister Fogg« nach Jule Vernes »In 80 Tagen um die Welt«, Uraufführung 1971), Gerhard Kneifel (»Bretter, die die Welt bedeuten«), Rolf Zimmermann (»Connie und der Löwe«) und vor allem Gerd Natschinski (»Mein Freund Bunbury« in drei Inszenierungen, »Terzett« mit dem Komponisten am Pult bei der Uraufführung 1974, »Das Decameronical«, »Caballero« als Uraufführung 1988), stehen häufig auf dem Spielplan. Zahlreiche Textbücher mit spitzzüngigen subversiven Zeitbezügen stammen von Jürgen Degenhardt. Großen Anteil insbesondere an Musicalerfolgen haben die Choreographien der Ballettchefs Wolfgang Baumann und Monika Geppert. Ab 1984 wird mit dem Zweipersonen-Broadway-Musical »Das musikalische Himmelbett« von Harvey Lester Schmidt der historische »Venussaal« als Spielstätte innerhalb der Musikalischen Komödie für klein besetzte Stücke genutzt. Diese firmieren heute als »Kleine Komödie«.

»Mehr Operette wagen!«. Frei nach Willy Brandt gesprochen, ist dies dem Theater 1968 auch acht Jahre nach dem Ablegen des ehemaligen Namens ein wichtiges Anliegen. Operetten bekommen im Spielplan einen höheren Stellenwert. Im Repertoire sind in den nächsten zehn Jahren Werke wie Offenbachs »Die Großherzogin von Gerolstein«, »Ritter Blaubart«, »Orpheus in der Unterwelt«, »Madame Favart« und »Pariser Leben«, Suppès »Banditenstreiche«, »Boccaccio« und »Die schöne Galathée«, Millöckers »Bettelstudent«, Heubergers »Opernball«, Gilberts »Keusche Susanne«, Linckes »Frau Luna« in der Fassung von Otto Schneidereit, Nedbals »Polenblut«, Künnekes »Vetter aus Dingsda«, Benatzkys »Im weißen Rössl«, Lehárs »Zigeunerliebe« oder seine seltener gespielte Operette »Das Mädchen aus Paris« in Inszenierungen von Wolfgang Weit, Erwin Leister, Günter Lohse, Günter Thielemann oder Uwe Wand zu sehen. 1974 realisiert Opernkapellmeister Roland Seiffarth mit Kálmáns »Csárdásfürstin« seine vielbeachtete erste Einstudierung an der Musikalischen Komödie. Dem Ensemble ist er seit 1967 bekannt, als er »My Fair Lady« übernimmt. Er löst Walter Hessel 1978 als Chefdirigent des Orchesters der Musikalischen Komödie ab. Unter Seiffarths Leitung wird der Spielplan wieder ausschließlich auf Operette und Musical ausgerichtet. Gemeinsam mit den Direktoren Weit und Winter sowie Oberspielleiter Erwin Leister bringt er dabei ab 1980 auch altrenommierte Komponisten aus der Bundesrepublik und Österreich erstmals seit den frühen 50er Jahren wieder in den Spielplan beziehungsweise macht sie überhaupt salonfähig. Das gilt etwa für Friedrich Schröder (»Das Bad auf der Tenne«), Bernhard Eichhorn (»Das Glas Wasser oder Barock and Roll«), Erwin Halletz (»Die Gräfin vom Naschmarkt«), Robert Stolz (»Der Tanz ins Glück«, »Trauminsel«, beides DDR-Erstaufführungen), oder Nico Dostal (»Doktor Eisenbart«, »Die ungarische Hochzeit«). Zusätzlich holt Roland Seiffarth den längst vergessenen jüdischen Komponisten Paul Abraham 1988 mit der ersten Leipziger Aufführung von dessen frivol-jazziger Operette »Ball im Savoy« seit 1932 wieder ins Bewusstsein zurück. Die »Blume von Hawaii« folgt kurz nach der deutschen Wiedervereinigung 1990.

Restaurative Zeit mit wenig Restaurierungen. In den 60er Jahren wäre Seiffarths Eintreten für Komponisten wie Dostal oder Schröder womöglich als anachronistisch oder gar revanchistisch ausgelegt worden. Doch in den 80er Jahren hat er damit berechtigten Erfolg. Die »späte DDR« springt gewissermaßen sogar auf diesen Zug auf und schmückt sich beispielsweise damit, Heimstätte für westdeutsche Operetten- und Musicalautoren zu sein, die dort teils wegen Auflösung von Ensembles oder Schließung von Spielstätten um ihre Aufführungsmöglichkeiten bangen. Im Bereich der devisenrelevanten Kultur restauriert der Staat kriegszerstörte Prestigeobjekte wie das Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (1984) oder die Semperoper Dresden (1985). In Leipzig wird nach dem 1968 erfolgten Abriss der Gewandhausruine 1981 ein Neubau errichtet. Davon abgesehen verfallen allerdings große Teile der Bausubstanz, eine »Verrottungsstudie«, wie Peter Korfmacher 2012 den Umgang mit der Musikalischen Komödie beginnend während der DDR-Zeit nennt. Abgesehen von einer marginalen Bühnenvergrößerung nach dem glücklicherweise glimpflichen Sturz eines Sängers in den Orchestergraben (1968 beim Musical »Fanny«) und der Erneuerung des Tonstudios 1979 wird hier im baulichen Zustand von 1952 gespielt. Dies ist damals quasi für die gesamte Stadt symptomatisch. 1983 sagt der Leipziger Kabarettist und Autor Bernd-Lutz Lange in einem Sketch als imaginärer Reiseführer vor Schweizer Touristen treffend: »Bei uns sind nur die Mieten, nicht die Häuser stabil«. Die Friedliche Revolution kommt 1989 für viele historische Bauten, zu denen auch die Musikalische Komödie gehört, gerade noch rechtzeitig.

Neuprofilierung im vereinigten Deutschland. Mit der Auflösung des Städtischen Theaterverbundes im Zuge der politischen Wende wird die Musikalische Komödie im Mai 1990 Bestandteil der Oper Leipzig unter der Intendanz von Prof. Udo Zimmermann mit zunächst eigener Direktion. Unter Direktorin Monika Geppert kommt es 1992/93 nach Plänen des Architekturbüros »Legge & Partner« zu einer Teilsanierung des Hauses, ohne welche dauerhaft kein Spielbetrieb mehr möglich gewesen wäre. Bis zum Beginn einer vollständigen Renovierung und Umgestaltung dauert es allerdings bis 2014. Finanzierungsdebatten der 1990er und 2000er Jahre übersteht die Musikalische Komödie dank eines ungebrochen großen Publikumszuspruchs und Rückhalts in Leipzigs Bürgerschaft sowie darüber hinaus. 1999 gründen sich die »Freunde und Förderer der Musikalischen Komödie Leipzig e.V.«. Sie unterstützen das Theater substanziell und werden mit jährlichen Veranstaltungen wie dem von Peter Zimmer präsentierten »Leipziger Operettenball« und mit Publikationen wie »150 Jahre Operette in Leipzig« von Doris Fischer und Leonhard Czernetzki (2009) zu einem Forum für Freunde der Operette und des Musicals. Das Ensemble absolviert in den 1990er Jahren Tourneen durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Es wird in der Jahrhunderthalle Frankfurt/Main ebenso gefeiert wie in Winterthur oder der Kölner Philharmonie. Im Sommer 1992 gastiert es vier Wochen am Deutschen Theater München mit dem »Zarewitsch«. Diese Inszenierung von Karl Absenger (Premiere 1991) eröffnet die nun endlich wieder mögliche Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern, Regisseuren, Bühnenbildnern, Sängern und Dirigenten aus der ganzen Bundesrepublik. Die Menge allein der berühmten und beliebten Operetten- und Musicaldarsteller in den letzten drei Jahrzehnten an der Musikalischen Komödie würde Seiten füllen. Musikdirektor Roland Seiffahrth schenkt bis zu seinem Ruhestand 2013 den Werken von Johann Strauß, Jacques Offenbach, Robert Stolz besonders Franz Lehár verstärkt Aufmerksamkeit: »Der Graf von Luxemburg«, »Land des Lächelns«, »Giuditta«, »Paganini« und »Der Zarewitsch« kommen unter seiner Leitung zur Premiere. Unter seinen Nachfolgern Stefan Diederich und Stefan Klingele folgen »Zigeunerliebe«, »Das Fürstenkind« und »Die Juxheirat« (2021). Klingele legt ab 2015 neben Repertoireoperetten den Focus auf musikalische Neu- und Wiederentdeckungen. So ist Nico Dostals »Prinzessin Nofretete« 2016 im wahrsten Sinne des Wortes die erfolgreichste »Ausgrabung« seit langem und wird in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk 2017 auf CD veröffentlicht. Operetten-Bearbeitungen von Erich Wolfgang Korngold sind eines von Klingeles Hauptprojekten. »Das Lied der Liebe« nach Johann Strauß erscheint in Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk Kultur unter seiner Leitung mit dem Ensemble der Musikalischen Komödie 2018 auf CD, die Korngold-Bearbeitung von Leo Falls »Rosen aus Florida« mit denselben Medienpartnern 2020 ebenso. Positive Rezensionen im MDR, BR sowie dem Deutschlandfunk bringen dem Ensemble der Musikalischen Komödie überregionales Renommee. Der Bayerische Rundfunk zeichnet 2019 die von Kapellmeister Tobias Engeli einstudierte Kálmán-Operette »Die Herzogin von Chicago« in der Inszenierung von Ulrich Wiggers aus. Für die Ausstrahlung des Hauses bedeutend ist auch die von Roland Seiffarth 1998 ins Leben gerufene Zusammenarbeit mit dem Dirigentenforum des Deutschen Musikrates, welche junge Dirigentinnen und Dirigenten an Operettenmusik heranführt. Die von MDR Kultur viele Jahre live übertragenen Abschlusskonzerte sind Höhepunkte zu Beginn eines jeden neuen Jahres. Stefan Klingele greift nach Seiffarths Ruhestand die Reihe auf und setzt sie mit einem veränderten Konzept fort.

Musical und Show. Die Musikalische Komödie baut sich ihren heutigen überregionalen Ruf als progressives Musical-Theater auf mit Stücken wie »West Side Story«, »La Cage Aux Folles«, »Anatevka«, »Alexis Zorbas«, »Evita«, »Jesus Christ Superstar«, »The Rocky Horror Show«, »Hair«, »Kiss me Kate«, »Hello, Dolly!« und Gershwins »Crazy For You«. Uraufführungen am Haus sind die Musicals »Elixier« (1998), »Heidi« (2004) und »Wagners Ding mit dem Ring« (2013) zu Richard Wagners 200. Geburtstag. 2014 wird mit Cusch Jung erstmals ein Musical-Regisseur Oberspielleiter am Haus. Jung hatte 2011 mit »Jekyll & Hyde« von Frank Wildhorn außerordentlichen Erfolg. Mit weiteren Werken dieses Musical-Komponisten wie »Der Graf von Monte Christo« als deutschsprachige Erstaufführung (2012) und »Dracula« (2016) setzt er diese Reihe fort. Jungs Regiearbeiten wie »Love Musik« über das Leben von Kurt Weill und Lotte Lenya sowie Lucy Simons »Doktor Schiwago« (2018 als deutschsprachige Erstaufführung) werden ebenfalls zu vielbeachteten Erfolgen. Jung engagiert außerdem Thomas Hermanns als Regisseur für »Hape Kerkelings Kein Pardon«. Das klassische Musical kommt im Rahmen von Leonard Bernsteins 100. Geburtstag zum Tragen mit der Musicalfassung seiner Oper »Candide« und vor allem seinem Musical »On The Town« (beides Jung-Inszenierungen). »On The Town« wird sowohl im Haus selbst wie auch auf Gastspielen gefeiert. Daneben begleitet das Ensemble auch Künstler der Showbranche sowie ganze Bands. Den Anfang macht die Dresdner Band »MerQury« 2007 mit dem Projekt »Queen Klassical«. Das Orchester der Musikalischen Komödie musiziert im Rahmen des Festivals »Klassik Open Air« auf dem Berliner Gendarmenmarkt mit Künstlern wie den »Supremes«, der Sopranistin Anna Maria Kaufmann, dem Countertenor Jochen Kowalski oder der Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky. Seit 2015 besteht mit der Leipziger Band »Die Prinzen« enger Kontakt. Nach einer gemeinsam mit den Prinzen produzierten DVD geht das Orchester mehrfach mit der Band auf Tournee. Es spielt dabei unter anderem 2018 unter der Leitung von Tobias Engeli als erstes Leipziger Orchester in der neuen Hamburger Elbphilharmonie und musiziert 2019 auf einer Open-Air-Prinzen-Tournee zusätzlich mit Christina Stürmer und dem Duo »Fools Garden«.

Spieloper und Musiktheater für Kinder. Im Bereich komische Oper liegt ab den 2000er Jahren der Schwerpunkt auf Spielopern wie »Martha« oder »Die lustigen Weiber von Windsor«. Daneben sind Raritäten zu erleben wie Grétrys »Die beiden Geizigen« (2007) unter der musikalischen Leitung von Werner Erhardt (»Concerto Köln«). Seit 2010 steht das Werk Albert Lortzings im Mittelpunkt mit Inszenierungen von »Zar und Zimmermann«, »Der Waffenschmied« sowie »Der Wildschütz«. Auch unter Musikdirektor Stefan Klingele wird die Werkpflege Lortzings fortgesetzt mit Aufführungen seines Oratoriums »Die Himmelfahrt Christi« in der Leipziger Peterskirche sowie der erstmals am Haus zu erlebenden Lortzing-Oper »Casanova« (2018) in der Inszenierung von Cusch Jung. Eine weitere Säule im Spielplan der Musikalischen Komödie bildet seit Jahrzehnten Musiktheater für Kinder, seit der Intendanz von Prof. Ulf Schirmer ergänzt durch Angebote für Jugendliche unter der Rubrik »Junge Oper«. Von 1994 bis 2019 ist Harold Arlens »Der Zauberer von Oss« ein Dauerbrenner im Spielplan, den mehrere Generationen sehen. Maurice Ravels »Das Kind und der Zauberspuk« und Camille Saint-Saëns‘ »Der Karneval der Tiere« bieten 2008 erstmals am Haus Oper beziehungsweise Ballett für Kinder. Ballette in Choreographien von Ballettchef Mirko Mahr setzen diese Reihe erfolgreich fort: »Aschenputtel« mit Musik von Johann Strauß, »Alice im Wunderland« als von Kapellmeister Tobias Engeli mit einer Eigenkomposition zusammengestelltes Pasticcio, Prokofjews »Romeo und Julia« und Bizets/Schchedrins »Carmen« als Ballette für Jugendliche. Überregionale Aufmerksamkeit erregen die Opernproduktionen »Der Ring für Kinder« und »Der Freischütz für Kinder« in Inszenierungen von Jasmin Solfaghari. Konzerte mit Brittens »Young Person’s Guide To The Orchestra«, dem musikalischen Märchen »Peter und der Wolf« von Prokofjew sowie »Paddington Bärs erstes Konzert« von Herbert Chappell ergänzen das Repertoire. Als Basisangebot für Kindergarten- und Grundschulkinder finden außerdem zahlreiche »Instrumentenkunde«-Veranstaltungen durch Musiker der Musikalischen Komödie in Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogik der Oper statt. In der Reformierten Kirche Leipzig spielt das Orchester seit vielen Jahren im Rahmen des Musikfestivals »Klassik für Kinder«.

Die Musikalische Komödie – ein »emotionaler Zustand«. Durch die Säulen Operette, Musical und die speziellen Musiktheaterangebote für Kinder und Jugendliche ist die Musikalische Komödie heute künstlerisch und wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Die in vielen Bereichen positive Entwicklung Leipzigs zeigt sich auch im Erblühen ihrer Kultur. Investoren schätzen sie mehr als nur als »weichen Standortfaktor«. Die Musikalische Komödie wirbt seit Jahren mit dem Wahlspruch »kultig, herzlich, original«. Und mit ihrem künstlerischen Profil und ihrer räumlichen Lage inmitten der Leipziger »Westkultur« ist sie tatsächlich Kult bei Jung und Alt. Patrick Rohbecks Revuestück »Capriolen – die Lindenauer Palastrevue« lässt seit der Premiere 2016 regelmäßig die Geschichte der Revue, aber auch des Hauses und Ensembles lebendig werden und zeigt gleichzeitig, wie hochwertig am Haus inszeniert wird. Als Prof. Ulf Schirmer 2011 Intendant der Oper und damit der Musikalischen Komödie wird, konstatiert er: »Die Musikalische Komödie ist nicht nur ein Theater, sie ist ein emotionaler Zustand. Sie spüren dort diese festliche Stimmung, die einst mit Theaterbesuchen verbunden war. Und das Ensemble und das Orchester, sie verstehen es, die festliche Erwartungshaltung zu beantworten und über den Abend zu tragen« (Leipziger Volkszeitung, 20.09.2011) Sein Credo lautet damals: »Wir müssen die ‚MuKo‘ entwickeln im Sinne des Gesamtprojektes Oper Leipzig. Sie ist einzigartig«. Unterstützt vom Betriebsdirektor Torsten Rose und dem technischen Direktor Frank Schmutzler entwickelt Schirmer gemeinsam mit Oberbürgermeister Burkhard Jung ein Konzept zur umfassenden Renovierung und baulichen Veränderung der Musikalischen Komödie. Dieses Konzept wird vom Leipziger Stadtrat mit einstimmigem Beschluss angenommen und zunächst bei laufendem Betrieb bis 2021 gemeinsam mit Architekt Wolfgang Brauer und Baumeister Volker Längrich realisiert. 2019/20 muss dafür das Ensemble in ein Interim ziehen. Im »Westbad« am Lindenauer Markt feiert das Ensemble mit Produktionen wie der Schlagerrevue »Spiel mir eine alte Melodie«, dem Ballettabend »Zorbas/ Balkanfeuer« sowie den Musicals »Kuss der Spinnenfrau« und »Bretter, die die Welt bedeuten« Erfolge. Die »Corona-Pandemie« verhindert indessen 2020/21 etliche Produktionen bis zum Wiedereinzug im April 2021. Mit der Einweihung der umgebauten und renovierten Musikalischen Komödie erhält ihr 120 Jahre altes Ensemble 2021 nicht nur erstmals seit 1943 hervorragende Arbeitsbedingungen, sondern die Stadt Leipzig übergibt dem Publikum ein modernisiertes kulturelles und städtebauliches Juwel zurück: Leipzigs einzig erhaltenes Theatergebäude aus der Jugendstilzeit. Die Musikalische Komödie erstrahlt inmitten des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes »Drei Linden« als dessen Zentrum in neuem Glanz. In diesem Sinne ist neben der Verpflichtung zum Bewahren der langen Operetten- und Musical-Tradition vor allem mit innovativen Impulsen aus und in der neuen Musikalischen Komödie zu rechnen, getreu dem Wahlspruch des französischen Komponisten Grétry: »Auf dass ewig Komödien erklingen in diesem so schönen Haus!«.
Frey: Franz Lehár, der letzte Operettenkönig, Wien 2020

Geltinger/Reichardt: Das Operetten- und Musicalhaus mit Tradition: Ihre Musikalische Komödie. Leipzig, 2012

Fischer/Czernetzki: 150 Jahre Operette in Leipzig. Leipzig, 2009

Schinköth (Hrsg.): Musikstadt Leipzig im NS-Staat. Altenburg 1997

Richter/Aurich: 20 Jahre DDR, 20 Jahre Leipziger Theater. Leipzig 1969

Programmhefte der genannten Institutionen aus eigenem Besitz sowie dem Archiv des Fördervereins der Musikalischen Komödie

pandemiebedingt Online-Recherchen in Katalogen der DNB, der AdK, des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig u.a.

Die Musikalische Komödie Leipzig ist ein Musiktheater mit eigenem Solistenensemble, Orchester, Chor und Ballett. Zusammen mit der Sparte Oper und dem Leipziger Ballett ist sie Bestandteil des städtischen Eigenbetriebs Oper Leipzig. Mit ihrem künstlerischen Profil hat sich die Musikalische Komödie ausschließlich der heiteren Muse verschrieben: vor allem der Operette sowie dem Musical. Daneben spielt seit einigen Jahren Musiktheater für Kinder und Jugendliche in Form spezieller Opern- und Ballettproduktionen eine wichtige Rolle. Das Ensemble besitzt große Sympathien des Leipziger Publikums und erfreut sich darüber hinaus einer treuen Fangemeinde aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Dies äußert sich in einer kontinuierlich hohen Auslastung: Die Musikalische Komödie im Stadtteil Lindenau gehört nicht nur innerhalb der Stadt Leipzig, sondern bundesweit zu den Publikumsmagneten unter den Theatern. Theaterabende in der Musikalischen Komödie besitzen neben hoher künstlerischer Qualität stets ein besonderes Flair dank eines kontinuierlich arbeitenden Ensembles. Das Ensemble kann nämlich auf eine lange und reiche Geschichte zurückblicken: Diese beginnt nicht etwa erst 1968, als es zusammen mit der Theaterbenennung seinen heutigen Namen »Ensemble der Musikalischen Komödie« erhält. Auch nicht 1960, als es noch »Ensemble des Operettentheaters Leipzig« heißt und seine heutige Spielstätte beziehen kann. Sie beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Ensemble buchstäblich zentral und mondän in der Bosestraße am Leipziger Innenstadtring beheimatet ist, und zwar im 1900 bis 1902 erbauten »Centraltheater«, ab 1906 genannt »Neues Operettentheater Leipzig«.
Etablierung als erste eigene Operettenspielstätte. Seit 1859 sind Operettenaufführungen in Leipzig nachweisbar, zunächst im »Alten Theater« (1766 als »Comödienhaus« errichtet, bis 1868 einziges Stadttheater) mit Werken von Offenbach und Suppè, ab 1868 im »Neuen Theater« und von 1887-1899 auch im »Carola-Theater«. Zahlreiche weitere kleine Bühnen präsentieren Operetten, doch erst mit dem vom Leipziger Architekten August Hermann Schmidt am westlichen Innenstadtring (Dittrichring, Ecke Bosestraße) entworfenen, am 30. August 1902 eröffneten »Centraltheater« erhält die Operette in Leipzig erstmals eine eigene Spielstätte.
Das zunächst als »Wiener Varieté« genutzte, privat finanzierte Theater wird von Anton Hartmann 1904 gepachtet. Bereits in dieser Zeit werden Operetten von Offenbach gespielt. Hartmann setzt den Berliner Theaterdirektor und Librettisten Herman Haller als Direktor ein. Haller richtet das Haus inhaltlich vollständig auf Operette aus, engagiert renommierte Solisten und benennt es um in »Neues Operettentheater Leipzig«. Die Eröffnungsvorstellung als Operettentheater geschieht am 25. August 1906 mit Johann Strauß‘ »Das Spitzentuch der Königin« unter der Leitung des Wiener Kapellmeisters Willy Wolf. Dieser Termin ist sehr bewusst gewählt, fällt er doch mit der Leipziger Erstaufführung von Lehárs »Lustiger Witwe« im Alten Theater zusammen. Der Konkurrenzkampf ist eröffnet und führt dazu, dass die Stadt Leipzig 1910 den Entschluss fasst, das Operettentheater in den städtischen Theaterverbund einzugliedern. Generalintendant Max Martersteig setzt Josef Gross, bisher Regisseur am Alten Theater, als »Operetten-Direktor« und den dortigen Kapellmeister Otto Findeisen (1862-1947), der auch als Operettenkomponist in Erscheinung getreten war, als musikalischen Leiter am Neuen Operettentheater ein. Beide realisieren zusammen zahlreiche Produktionen, beispielsweise im Jahr 1920 die Leipziger Erstaufführungen von Eduard Künnekes »Der Vielgeliebte«, Oscar Straus‘ »Der letzte Walzer« und Emmerich Kálmáns »Die Csárdásfürstin«. Infolge der Inflation beendet die Stadt ihre Trägerschaft zu Beginn der Spielzeit 1924/1925 und stellt damit die alte Konkurrenz zu den städtischen Bühnen wieder her, die nun im Neuen Theater am Augustusplatz neben Opern verstärkt Operetten herausbringen. Sie befeuert allerdings auch die Kreativität der Verantwortlichen des Neuen Operettentheaters. Die genannten Leiter und viele Künstler, nicht unwesentlich dabei auch das Orchester, bleiben am Haus. Dank wirtschaftlicher Trägerschaft durch das Leipziger Bankhaus Kroch können sie das Renommee des Theaters sogar stärken. Bankier Hans Kroch setzt Johannes Merz, seit 1919 Vorstandsmitglied von dessen »Bank für Realbesitz«, als Geschäftsführer ein.

Großstadt-Theater am Puls der Metropolen. Die schöpferische Blütezeit dieser Leipziger Bühne liegt eindeutig in der Zeit der Weimarer Republik, in der sie neben Zentren der Operette (Wien, Berlin) im deutschsprachigen Raum einen bedeutenden Rang einnimmt. Leipzig besitzt als damals viertgrößte Stadt Deutschlands mit seiner Messe und bedeutenden (Musik)Verlagen auch im Bereich der Operette überregionale Strahlkraft. In nahezu jeder Spielzeit gibt es eine Uraufführung, die umgehend in anderen Städten nachgespielt wird. Im Gegenzug gelangen dort herausgebrachte Operetten in Leipzig nur kurz nach ihren Uraufführungen zur Erstaufführung, so wie Künnekes »Glückliche Reise«: Uraufführung im Berliner Theater am Kurfürstendamm am 23.11.1932, Premiere in Leipzig am 18.12.1932. Die Operette ist ja in dieser Zeit hauptsächlich eine zeitgenössische Kunstgattung, und so geben sich ihre Akteure, also Autoren und Interpreten, in Leipzig die Klinke in die Hand. Andeutungsweise Aufzählungen am Haus gefeierter Künstler verdeutlichen den Glanz dieses Theaters. Berühmte Komponisten wie Franz Lehár, Eduard Künneke, Paul Lincke, Ralph Benatzky, Robert Stolz beehren sich hier, von denen die meisten darüber hinaus auch selbst am Pult des Operettenorchesters stehen und ihre eigenen Werke dirigieren. Diven wie Vera Schwarz von der Wiener Staatsoper, Lillie Claus, Anny Ahlers, Trude Kollin, Edith d’Amara, Hansy von Krauss oder die Japanerin Hatsue Yuasa sind auf der Bühne zu erleben, ebenso Tenöre wie Richard Tauber, Hans-Heinz Bollmann, Herman Wolder, Eduard Lichtenstein, Anton Maria Topitz, Erich Arnold oder Louis Graveure. Die berühmten »Comedian Harmonists« gastieren im Neuen Operettentheater, Schauspielgrößen wie Erika Körner, Brigitte Mira, Lori Leux, Paul Hörbiger, oder der Kinder-Star Jackie Coogan begeistern das Publikum. Ebenfalls sind viele bedeutende Librettisten wie Georg Okonkowski, Bruno Hardt-Warden oder Regisseure wie Helmut Käutner und Fritz Fischer zu nennen. Im Zuge der sogenannten »Machtergreifung« der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 beginnt in Deutschland ein künstlerischer und intellektueller Aderlass durch die Entlassung, Entrechtung und schließlich Ermordung der jüdischen Künstler. Aus dem Neuen Operettentheater wird schnell ein Propagandainstrument, an dem sich seismografisch das geistig-kulturelle Ausbluten des Landes ablesen lässt und an dem ehemals berühmte Operettenpersönlichkeiten jüdischer Herkunft aus dem Bewusstsein getilgt werden, allen voran Prominente wie Richard Tauber. Bevor der neue NS-Staat darauf zugreift, verkauft der deutsch-jüdische Bankier Hans Kroch den gesamten Centraltheater-Betrieb mit zugehörigem Neuen Operettentheater, Casino, Wiener Café-Kabarett, Wiener Bar »Grinzing« und Hafenschänke an seinen bisherigen Geschäftsführer Johannes Merz. Dieser gliedert dem Betrieb noch das »Haus Auensee« ein und führt das gesamte Unternehmen bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Leipziger Operettentheater im NS-Staat. Die letzte Premiere eines jüdischen Komponisten ist mit »Der letzte Walzer« eine Operette, deren Titel frappierender nicht sein könnte. Sie findet am 5. Februar 1933 statt, sechs Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Das Libretto stammt von Julius Brammer und Alfred Grünwald und die Musik von Oscar Straus. Danach beginnt wie überall im Land die »Arisierung« und die bereits seit 1930 teils massiven antisemitischen Ausschreitungen bei Theateraufführungen (bei Werken Kurt Weills im Alten und Neuen Theater) werden staatlich offiziell. Jüdische Künstler, die emigrieren oder deren Werke bereits zum klassischen Repertoire gehören, verschwinden vom Spielplan und werden in Programmheften »arischer« Komponisten verhöhnt. Zu ihnen gehören beispielsweise Jacques Offenbach, Leo Fall, Oscar Straus, Edmund Eysler, Paul Abraham, Emmerich Kálmán, Jean Gilbert, Rudolf Nelson, Mischa Spoliansky oder Friedrich Hollaender. Noch infamer ist der Umgang mit den von nun an unterschlagenen Namen jüdischer Autoren zu bezeichnen, die weiterhin aufgeführt werden, aber keine Tantiemen mehr erhalten. Zu ihnen gehören beispielsweise die Librettisten Fritz Grünbaum oder Dr. Fritz Löhner-Beda. Während Lehár als 70-Jähriger in Leipzig »Das Land des Lächelns« dirigiert, ist Löhner-Beda, der Librettist des Stücks, Häftling im KZ Buchenwald bei Weimar. Überhaupt ist Lehár, »der letzte Operettenkönig«, wie Stefan Frey ihn nennt, sicherlich der weiterhin am häufigsten im Operettentheater aufgeführte Komponist. Daneben rückt ab 1933 eine Reihe von Komponisten mit Ur- und Erstaufführungen am Haus nach, die freilich trotz aller Erfolge den künstlerisch-geistigen Verlust nicht aufzuwiegen vermögen: Fred Raymond, Nico Dostal, Ludwig Schmidseder, Friedrich Schröder oder Rudolf Kattnigg. Dostal nimmt unter ihnen einen besonderen Platz sein: nicht nur, dass er die Leipziger Erstaufführung seiner Operette »Clivia« selbst dirigiert. Seine bis heute bekannte Operette »Die Vielgeliebte« gelangt am 25. Dezember 1934 mit Lillie Claus und Herman Wolder in den Hauptpartien zur Uraufführung. Zahlreiche Dostal-Operetten werden in der Folge produziert. Und die Verbindung mit ihm hält selbst nach dem Krieg und der Gründung der beiden deutschen Staaten an: So bringt das Ensemble des Operettentheaters Leipzig am 3. März 1950 mit »Zirkusblut« eine weitere Operette von Nico Dostal zur Uraufführung.

»Operettenkönig« Lehár und Kapellmeister Hofmann. Seit der Uraufführung der Operette »Der Schlüssel zum Paradies« am 20. Oktober 1906, die eine überarbeitete Fassung seiner »Wiener Frauen« darstellt, ist Franz Lehár oftmaliger Gast im Neuen Operettentheater und wird tatsächlich wie ein König behandelt. Nahezu sämtliche seiner seitdem entstandenen Operetten werden in Leipzig aufgeführt. Bei Erstaufführungen seiner Werke dirigiert er oftmals den ersten Akt selbst und übergibt dann an den stückführenden Dirigenten. Den Wiener Kapellmeister und Komponisten Adolf Hofmann, seit 1939 musikalischer Leiter am Haus, schätzt Lehár besonders. Hofmann begleitet bei Konzertabenden am Flügel im Haus gastierende Solisten wie August Seider von der Städtischen Oper Leipzig oder Margarete Teschemacher von der Staatsoper Dresden. Er komponiert eine »Tempo-Parkett-Revue in 33 Runden«, die 1940 sehr erfolgreich ist. Adolf Hofmann trägt das Erbe der bisherigen Leipziger Operettentradition durch die entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre. Er bleibt seinem Theater auch während der Interimszeit im Operettentheater am Lindenauer Markt treu und gestaltet bis 1963 sogar noch die ersten Spielzeiten des Ensembles in seiner jetzigen Spielstätte mit, der heutigen »Musikalischen Komödie«.

Krieg und Zerstörung. Die letzten Spielzeiten im Zweiten Weltkrieg bringen inhaltlich nichts Neues. Prominente Gäste wie Johannes Heesters sollen das Leipziger Publikum bei Laune halten. Einer der letzten Gastsolisten im Neuen Operettentheater ist Richard Sallaba von der Wiener Staatsoper, der am 2. Oktober 1943 in Lehárs »Friederike« gastiert. Die Bombenangriffe auf Leipzig am frühen Morgen des 4. Dezember 1943 treffen auch das Neue Operettentheater. Die Instandsetzung ist kaum in Gang gekommen, als ein zweiter Angriff am 20. Februar 1944 den weiteren Betrieb unmöglich macht. Durch den am 31. August 1944 ausgerufenen »Totalen Krieg« müssen landesweit alle Theater schließen. Johannes Merz gelingt es, den zu den Centraltheater-Betrieben gehörenden Festsaal in der Gottschedstraße wieder herzurichten. Während der kurzen US-amerikanischen Besatzung Leipzigs vom 18. April bis zum 2. Juli 1945 gibt es Aussicht auf eine Weiternutzung des teilzerstörten Theaters durch das Operettenensemble, denn große Teile des künstlerischen und technischen Personals hatten überlebt, außerdem war der Kostüm- und Dekorationsfundus vollständig erhalten geblieben. Der Generalintendant der immer noch in Konkurrenz zum Operettentheater befindlichen Städtischen Theater Hans Schüler versucht das allerdings zu verhindern und erreicht nach Übergabe der Stadt an die sowjetische Besatzungsmacht bei den neuen Verantwortlichen, dass das ehemalige Neue Operettentheater sowie der Festsaal dem ebenfalls ausgebombten Schauspielensemble zufallen. Johannes Merz als immer noch legitimer Hausherr und Bankier wird aufgrund seiner Beziehungen angehalten, die Immobilien (auch den Festsaal in der Gottschedstraße) für den Spielbetrieb des Schauspiels weiter aufzubauen. Merz kommt dem nach, wird dann allerdings auf Befehl der sowjetischen Militäradministration vom 21. Oktober 1948 enteignet und sein gesamtes Vermögen zum 1. Januar 1949 in Volkseigentum unter Verwaltung der Stadt Leipzig überführt. Das verbliebene Operettenensemble bekommt von der sowjetischen Militäradministration eine Spielerlaubnis für das bisherige Hotel- und Ballhaus »Deutsches Haus« am Lindenauer Markt 21 zugesprochen, wo es ab August 1945 bis zum Einzug in die heutige Musikalischen Komödie im Jahr 1960 weiterspielt.
Neubeginn. Das Jahr 1945 bringt neben den weltgeschichtlichen Veränderungen auch in Leipzig unter anderem eine völlige Neuordnung der Struktur seiner Theater mit sich. Deren Häuser sind mit Ausnahme des Varietétheaters »Drei Linden«, in dem die Oper seit 1944 spielt, allesamt zerstört. Wie in der deutschen Geschichte generell, ist der Neuanfang nach dem Ende der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs auch beim Leipziger Operettentheater im spezifischen keine »Stunde Null«. Der Neuanfang geschieht durch verbliebene Mitarbeiter, angefangen von der künstlerischen und technischen Leitung über Sänger, Tänzer, Orchestermitglieder bis zum Schließer. Glücklicherweise waren Dekorationen und Kostümfundus trotz der Bombardierungen erhalten geblieben. Das noch bestehende Ensemble sucht nach einer Spielstätte, als klar ist, dass eine Rückkehr in die Teilruine des Neuen Operettentheaters in der Bosestraße für sie nicht möglich sein wird, weil diese zum Schauspielhaus umgebaut werden soll.
Nach Versuchen durch Tenor Herman Wolder (seit 1929 am Haus) mit dem »Dreimäderlhaus« im Hotel und Tanzpalast »Elstertal« im Stadtteil Schleußig wird man beim 1911 im Reformstil erbauten Hotel »Deutsches Haus« am Lindenauer Markt 21 fündig, das über einen ansehnlichen Ballsaal verfügt. Am 16. August 1945 findet dort als erste Veranstaltung des Ensembles der Unterhaltungsabend »Wir machen Musik« statt, eine Szenenfolge aus 16 Bildern, produziert von Harry Studt, der Verwaltungsdirektor am Neuen Operettentheater in der Bosestraße war. Beworben wird das Ganze auch als »Produktion des CT-Operettenensembles«. Am 18. September 1945 übernimmt die »Deutsche Einheitsgewerkschaft für Bühne, Film und Funk« das Haus, später der FDGB und die Deutschen Volksbühne. Die Einheitsgewerkschaften entstehen zunächst in ganz Deutschland als weltanschaulich neutrale Organisationen. Nach deren Planung soll die Eröffnung mit der Operette »Schwarzwaldmädel« des jüdischen Komponisten Leon Jessel stattfinden, dies lässt sich aber mit den technischen Gegebenheiten zunächst nicht realisieren. Es finden die allernötigsten Umbauarbeiten für einen Theaterbetrieb statt, ehe am 15.11.1945 mit Walter Kollos »Die Frau ohne Kuss« die erste Operette der Nachkriegszeit in Leipzig Premiere feiern kann.
Vom Ensemble des ehemaligen Neuen Operettentheaters wirken Solisten wie Katharina Schoenert, Leni Welter, Franz Rieß, Leo Wanaus, Werner Ebert und Lisa Thomas-Muschau, Frau des früheren Buffos und Spielleiters Fred Muschau, weiterhin am Haus sowie Chorsänger, Tänzer, Orchestermusiker und auch der Wiener Kapellmeister Adolf Hofmann. Die Ballettchefin Carla Henze hatte ebenfalls schon im Ballett des Neuen Operettentheaters in der Bosestraße unter Hanna Kammer und Toni Stein getanzt. Dieses Personal wird nun ergänzt, unter anderem durch erfahrene Theaterleute aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. So kommt beispielsweise Fritz Ploder als Erster Buffo vom Königsberger Opernhaus ins Ensemble und wird Spielleiter. Der künstlerische Wiederaufstieg des Leipziger Operettenensembles hat begonnen.

Neuprofilierung und alter Glanz. Das Programmheft der »Frau ohne Kuss« verspricht: »Am 10. Dezember 1945 werden wir mit dem Umbau der Bühne beginnen, damit wir bald in der Lage sind, Operetten spielen zu können, die von einem Kálmán, Abraham, Gilbert und Fall sowie Offenbach geschrieben wurden«. Dieses Versprechen, während der NS-Diktatur verbotene jüdische Autoren möglichst bald wieder aufzuführen, wird eingehalten. Bereits in der ersten Nachkriegsspielzeit gelangt Leon Jessels »Schwarzwaldmädel« wieder zur Premiere, es folgen bis 1949 »Die Csárdásfürstin«, »Madame Pompadour«, »Im weißen Rössl«, »Die schöne Helena« und »Die Blume von Hawaii«. Allerdings kommt es danach im Zuge stalinistischer Kulturpolitik zu einem erneuten »Vergessen« einiger jüdischer Autoren wie dem letztgenannten Paul Abraham. Es beginnt in seinem Fall schon zu Lebzeiten und endet in Leipzig erst, als Roland Seiffarth 1988 Abrahams »Ball im Savoy« in der Musikalischen Komödie zur ersten Wiederaufführung seit 1932 bringt. Neben solchen Werken werden auch unmittelbar bis zur Zerstörung im Neuen Operettentheater gelaufene Stücke dank erhaltener Dekorationen und Kostüme wieder in den Spielplan genommen: Benatzkys »Meine Schwester und ich«, Dostals »Ungarische Hochzeit«, Raymonds »Maske in Blau«, Kollos »Frauen haben das gern« oder Lehárs »Land des Lächelns«. Kapellmeister Adolf Hofmann muss oftmals die Partituren für den im neuen Haus kleineren Orchestergraben einrichten. Er komponiert neben früheren Werken wie Revuen, Instrumentalstücken und Liedern auch Musik für mehrere Weihnachtsmärchen, so etwa »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, das am 27. November 1945 als erste Uraufführung im neuen Haus herauskommt. Auch das Märchenspiel »Peterchens Mondfahrt«, 1912 am Alten Theater uraufgeführt und ab 1935 im Spielplan des Neuen Operettentheaters, gelangt Weihnachten 1946 zur Wiederaufführung.
Zunächst wird das Theater »Volksoperettentheater Leipzig« genannt, aber schon 1946 kehrt man zur Bezeichnung »Operettentheater Leipzig« zurück und verwendet sogar den alten Schriftzug von vor 1945 wieder. Mit dem glanzvollen Namen will man also weiterhin in Verbindung gebracht werden. Scheint es auch in dem gegenüber dem Neuen Operettentheater wesentlich kleineren Theatersaal am Lindenauer Markt zunächst mit dem großstädtischen Glamour der Vorkriegszeit vorbei zu sein, so muss man sich doch vergegenwärtigen, dass im Stadtteil Lindenau wesentlich mehr an Bausubstanz des alten Leipzig stehengeblieben war als in der Innenstadt, und dass die Gegend vom Lindenauer Markt ausgehend entlang der Georg-Schwarz-Straße bis nach Leutzsch mit so vielen kleinen Bühnen, Ballsälen, Vergnügungslokalen und Kinos gespickt war, dass der Volksmund seit den 1920er Jahren ironisch-liebevoll vom »Leipziger Broadway« sprach, an dessen Anfang sich das Operettentheater mit seinem Ensemble anschickt, wieder eine geachtete Bühne zu werden. Das Repertoire der Vorkriegszeit und überhaupt die Sujets der Operette tun ihr übriges dazu, dass sich das Publikum im Operettentheater damals ein wenig wie »in besseren Zeiten« fühlt und den prekären Widrigkeiten des Nachkriegsalltags für ein paar Stunden entfliehen kann.

Neustrukturierung. Am 1. Januar 1950 wird das Operettentheater in den städtischen Theaterverbund eingegliedert und untersteht erstmals seit 1924 wieder der Generalintendanz. Was Hans Schüler als Vorgänger im Amt zu verhindern versuchte, wird unter Generalintendant Max Krüger doch Realität, und zwar mit positiven Effekten für alle städtischen Bühnen. Das Operettentheater wird gleichberechtigt neben Oper, Schauspiel und dem neugegründeten »Theater der Jungen Welt« getragen und beworben. Es ist aber noch nicht so wie heute als Musikalische Komödie mit der Oper verbunden. Mit der städtischen Trägerschaft einher gehen Verbesserungen in der Logistik und der personellen Aufstellung. Adolf Hofmann, bisher alleiniger musikalischer Leiter, bekommt mit Horst Sommerfeld einen Kapellmeister zur Seite. Die äußerst kurzen Wege zur Generalintendanz (auf Max Krüger folgen Max Burkhardt und Johannes Arpe) und zum Opernensemble in der benachbarten Dreilindenstraße führen zu fruchtbaren Kooperationen. Die Mitglieder des Operettenensembles werden auch zu Diensten an anderen Bühnen der Stadt herangezogen: Adolf Hofmann etwa dirigiert bei einigen Produktionen im Schauspielhaus, also quasi an alter Stelle. Heinz Fricke von der Oper leitet Produktionen wie die Uraufführung der Operette »Liebeszauber auf Sizilien« von Wolfgang Zeller am 24. Februar 1957.
Die neue kulturpolitische Doktrin des »sozialistischen Realismus« macht selbstverständlich auch vor der Operette nicht Halt. Als nach wie vor populäre Kunstgattung wird sie als besonders wirkungsvolles Instrument betrachtet, um politische Haltung sowie Geschmack des Publikums zu lenken. Nach Gründung der DDR 1949 wird dies im Streben nach der möglichst schnellen Schaffung neuer Werke im sogenannten »heiteren Musiktheater« deutlich. Zunächst werden bereits in der Sowjetunion entstandene Operetten quasi auf jede Bühne gebracht. Durch die deutsche Teilung und der damit einhergehenden Verkleinerung des Staatsgebietes ist neben dem Metropoltheater Berlin und dem »Staatlichen Operettentheater Dresden« (heute »Staatsoperette«) auch das Leipziger Operettentheater eines der exponiertesten Podien dieses Genres im Land. Juri Miljutins Operette »Trembita« gelangt hier am 7. November 1952 zur deutschen Erstaufführung, weitere Werke von Miljutin, Dunajewski bis zu Schostakowitsch (1962 schon in der jetzigen Spielstätte) erleben ihre Erstaufführung.

Neuer Glanz und seine Kehrseite. Neben kulturpolitisch unabdingbaren Produktionen hält das Ensemble an langjährigen Beziehungen fest, etwa zum österreichischen Komponisten Nico Dostal, und realisiert am 3. März 1950 die Uraufführung seiner Operette »Zirkusblut«. »Die Rosenhochzeit« mit Musik von Dostals Librettisten Hermann Hermecke bringt das Ensemble am 4. November 1949 zur Erstaufführung. International erfolgreiche neue Stücke finden auch in den 50er Jahren ihren Weg zur Leipziger Operettenbühne, so ist Paul Burkhards »Feuerwerk« in der Fassung von Erik Charell erstmals am 29. April 1955 zu sehen. Die Rolle des Robert gibt darin der junge Lutz Jahoda, der bald als Sänger, Schauspieler und Fernseh-Entertainer von sich reden machen wird. Jahoda ist nicht der einzige Prominente, der vom Leipziger Operettentheater aus seine Karriere beginnt. Auch die später international berühmten Kessler-Zwillinge verdienen sich im Operettentheater erste Sporen bis zu ihrer Übersiedelung in die Bundesrepublik 1952. Dieser erneute künstlerisch-geistige Aderlass, der ganz Ostdeutschland betrifft, macht sich am Operettenensemble bereits spätestens seit der 1949 vollzogenen vollständigen Enteignung des Bankiers Johannes Merz als Chef der ehemaligen Centraltheater-Betriebe, zu denen das »Neue Operettentheater« gehörte, bemerkbar. Mit diesem für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schockierenden Schritt wird das endgültige Aus für einen Rückzug des Ensembles an die alte Wirkungsstätte besiegelt. Einige Stücke müssen kurz nacheinander nochmals zur Premiere gebracht werden, weil Regisseure, Bühnenbildner oder Choreografen als Rechteinhaber ins damalige Westdeutschland emigrieren. Auf Künstler, die bis zur endgültigen Grenzschließung 1961 im Land bleiben, kommen erhebliche Mehraufgaben zu. Am Operettentheater Leipzig sind in den 50er Jahren unter anderem die Solisten Christa Nowak, Gerda Ernst, Eva-Maria Jung, Irmely Halay, Ruth-Maria Osswald, Fritz Steffens, Gerd Pallesche, Walter Ofiera, Otto Stübler, Gerd Fahl, Dieter Scholz und nach wie vor Werner Ebert und Lisa Thomas-Muschau Publikumslieblinge.

Neue Strahlkraft bis zu Film und Fernsehen. Neue Operetten entstehen. Die besten von ihnen führen zu einem regelrechten eigenen Repertoire in der DDR. Wie später die Stoffe von Autoren wie Jürgen Degenhardt, haben bereits die meisten frühen Stücke wenig offensichtlichen, dafür oft desto mehr subversiven Bezug zur DDR-Gegenwart und schwelgen zeitlich und geographisch gerne anderswo, beispielsweise in Frankreich (Conny Odds »Alarm in Pont l’Evêque«), England (Herbert Kawans »Sensation in London«), Italien (Hans Schindlers »Die drei Robinsons«) oder gar in Marokko (Wilhelm Lichts »Frau ohne Seele«). Der Hang zu einer derartigen Exotik ist in den 1950er Jahren allerdings gesamtdeutsch. Uraufführungen von Werken dieser Art am Operettentheater Leipzig sind Stücke wie »Wer seine Frau lieb hat« (Buch: Jacob Jostau, Musik: Joachim-Dietrich Link) am 18. Januar 1952. Diese Operette hat so viel Erfolg, dass sie 1954 von der DEFA verfilmt wird. Es folgen »Der Aushilfsgatte« 1956 (Musik: Peter Hansen, Buch vom Wiener Librettisten Leo Lenz), die in Paris spielende Operette »Gaston macht alles« (1956) von Ferdinand May (Buch) und Wilhelm Licht (Musik), der erwähnte »Liebeszauber auf Sizilien« (1957) von Wolfgang Zeller oder Guido Masanetz‘ Operette »Der Instrukteur soll heiraten« zum 10. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1959.
Es spricht für das künstlerische Niveau und das überregionale Renommee des Operettentheaters, dass sich der Deutsche Fernsehfunk bereits 1956 im ersten Jahr seines Regelbetriebes entschließt, eine Vorstellung aus dem Operettentheater Leipzig zu zeigen. Dabei ist bezeichnend, dass sich das Fernsehen nicht etwa eine der neuen DDR-Operetten aussucht, sondern Franz Lehárs »Der Graf von Luxemburg«, der am Abend des 26. Oktober 1956 um 19:30 Uhr als Direktübertragung aus dem Leipziger Operettentheater zu sehen ist. Sogar die Nachrichtensendung »Aktuelle Kamera« wird für diesen Tag auf 22 Uhr verschoben. Der künstlerische Wiederaufstieg des Ensembles ist vollzogen. Diese Zusammenarbeit mit dem Fernsehen bleibt nicht die einzige. Als Aufzeichnung aus dem Operettentheater Leipzig bringt der Deutsche Fernsehfunk beispielsweise am 14. April 1960 Offenbachs »La Périchole«. In der musikalischen Einrichtung von Conny Odd und der Inszenierung von Heinrich Voigt hatte das Stück erst zwei Monate zuvor Premiere gehabt. Wie in den 1850er Jahren, so sind die Operetten Offenbachs auch 100 Jahre später in Leipzig Publikumserfolge. Nach »Die schöne Helena« (1949), »Orpheus in der Unterwelt« (1951), »Die Prinzessin von Tapezunt« (1954), »Madame Favart« (1955), »Pariser Parfum« (1957) ist »La Périchole« die Krönung der Offenbach-Serie in den 1950er Jahren. Programmhefttexte sprechen gar von der »Offenbach-Stadt Leipzig«.

Neue Genres erstmals im Haus: Ballett und Musical. Der ab der Spielzeit 1957/58 neu engagierte Kapellmeister Walther Hartmann ist wie Adolf Hofmann ebenfalls Komponist. Er kommt vom Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und hat bereits Operettenerfolge vorzuweisen (z.B. »Kaffeehauspolitiker«, 1956). Am Operettentheater Leipzig bringt er zusammen mit Ballettchef Ingo Thess 1958 erstmals ein Ballett zur Uraufführung: »Großstadtbummel«.
Am 16. Juni 1957 hebt sich im Operettentheater Leipzig erstmals der Vorhang für ein Werk, das offiziell als Musical firmiert. Es handelt sich um »Der Weiberheld« aus der Feder der Komponistin, Kabarettistin und Schriftstellerin Erika Wilde, die gleichfalls das Textbuch nach der antiken Komödie »Miles Gloriosus« von Titus Maccius Plautus geschrieben hat. Es spielt im antiken Rom und thematisiert einen Angeber, eine Art »großen Zampano« auf militärischem wie erotischen Gebiet, der mit den Mitteln des Witzes entwaffnet wird. Es hat zwölf Songs, und im Gegensatz zur Uraufführung 1956 in Magdeburg erklingen sie in Leipzig im musikalischen Arrangement von Adolf Hofmann. Das Stück ist so erfolgreich, dass es 1957 von der DEFA verfilmt wird. Von dem, was heute darunter verstanden wird, ist dieses erste Musical in Leipzig sicherlich weit entfernt, aber es belegt das progressive Denken im Leipziger Operettentheater, das sich ab der Spielzeit 1960/1961 im neuen Domizil in der Dreilindenstraße fortsetzt und 1968 zur heutigen Namensgebung von Theater und Ensemble führt: der »Musikalischen Komödie«.
In der Spielzeitpause im Sommer 1960 verlässt das Opernensemble das seit 1944 genutzte ehemalige »Varieté ‚Drei Linden’« und zieht wieder in die Innenstadt in das neuerrichtete Opernhaus. Gleichzeitig verlässt das Ensemble des Operettentheaters sein als Interim verstandenes Haus am Lindenauer Markt und zieht in das geräumigere Theater in der Dreilindenstraße ein. Dieses ist von der Platzkapazität her wieder eher mit dem ursprünglichen, im Zweiten Weltkrieg zerstörten »Neuen Operettentheater« vergleichbar, und wird zu dessen dauerhaftem Zuhause. In Konsequenz der Repertoireerweiterung durch Musical und komische Oper bekommt das Haus 1968 den Namen »Musikalische Komödie«. Mit gegenwärtig über 60 Jahren erfolgreicher, weit über die Stadt hinaus strahlender künstlerischer Produktion ist die Nutzung durch das jetzige Ensemble sicherlich mit Abstand die kontinuierlichste und fruchtbarste Zeit, die dieses Leipziger Theaterhaus bisher gesehen hat. In gewisser Hinsicht bildet der Einzug des Leipziger Operettenensembles auch eine künstlerische Brücke zur Nutzung des Theaters vor dem Zweiten Weltkrieg, als im »Varieté ‚Drei Linden’« unter anderem zahlreiche Künstlerinnen und Künstler des Neuen Operettentheaters gastierten. Das bisherige Operettenhaus am Lindenauer Markt wird nach 1960 eine Bühne für studentisches Kabarett und Laienspiel und ist heute Sitz des »Theaters der Jungen Welt«.

Premieren-Feuerwerk zum Einzug. Der künstlerische Beginn im neuen Haus geschieht durch ein regelrechtes Eröffnungs-Feuerwerk von gleich drei Premieren innerhalb der ersten elf Tage. Auf Carl Zellers »Vogelhändler« am 20. August 1960 folgen die Erstaufführung der im Hafen von Odessa spielenden Operette »Wale, Liebe und Matrosen« von Isaac Dunajewski am 24. August und schließlich die Vaudeville-Operette »Mam’zelle Nitouche« von Florimond Hervé am 31. August 1960. Dazwischen gibt es nicht etwa Pausentage für Umbauten, Proben oder dergleichen, sondern neben weiteren Vorstellungen der genannten Werke sogar noch zwei Wiederaufnahmen von Stücken aus dem Operettentheater am Lindenauer Markt: Offenbachs »La Périchole« am 21. August, das in dieser Inszenierung von Heinrich Voigt im April 1960 vom Fernsehen aufgezeichnet worden war, sowie Millöckers »Madame Dubarry« am 23. August 1960. All das ist unter anderem nur möglich durch Einstudierarbeiten in der vorherigen Spielzeit, die im Operettentheater am Lindenauer Markt stattgefunden haben. Es belegt neben dem unglaublichen Arbeitspensum aller Beteiligter auch die Kontinuität im Bestehen des Ensembles.

Komfort und sein Preis. Mit dem neuen, größeren Theaterbau geht auch eine Vergrößerung des Ensembles (Solisten, Chor, Ballett) einher: Das Orchester wird aufgestockt auf 62 Planstellen. Zu dessen Einsatz im Schauspiel kommt nun auch das Bespielen der Bühnenmusik im Opernhaus hinzu, letzteres ist bis heute eine Aufgabe des Orchesters. Ballett und Chor werden ebenfalls sowohl im Schauspielhaus wie im Opernhaus eingesetzt. Der Zuschauerraum, der Orchestergraben, das Bühnenhaus, sie alle sind im neuen Haus wesentlich größer und bieten im Vergleich zur kommoden Enge des alten Operettentheaters neue technische und künstlerische Möglichkeiten. Aber dieser Komfort hat andererseits einen hohen Preis: der angestammte, wohlbekannte Name des Ensembles muss aufgegeben werden. Diese Entscheidung ist folgenschwer: Durch die mit dem Wechsel der Spielstätte verbundenen Änderung des Namens von »Operettentheater Leipzig« auf »Kleines Haus der Leipziger Theater« verschwinden der bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreichende Bezug zur spezifischen Tradition dieses Ensembles als Hauptinterpreten der Operette in Leipzig – zuerst nur aus dem Namen und folglich irgendwann auch aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Neue Gattungen im Spielplan. Die Benennung »Kleines Haus« resultiert damals aus dem Vorhaben, dieses Theater von den Zuschauerplätzen, nicht aber vom Genre her gegenüber dem neuen, mehr Publikum fassenden Opernhaus abzugrenzen. Inhaltlich sollten Operetten neben komischen und ernsten Opern sowie Balletten lediglich noch einen Teil des Repertoires ausmachen. Diese Zielsetzung wird allerdings nur zeitweilig durchgehalten. Bereits Direktor Erhard Fischer bringt als Regisseur am 23. November 1965 erstmals ein Broadway-Musical im Haus zur Premiere: Cole Porters »Kiss me, Kate«. Sein Nachfolger Wolfgang Weit, ebenfalls Regisseur, nutzt die längst begonnene Popularität des Musicals auch in der DDR für Leipziger Erstaufführungen wie Frederic Loewes »My Fair Lady«, Peter Kreuders »Bel Ami« und Harold Romes »Fanny«, sowie die künstlerische Strahlkraft innovativer Operetteninszenierungen und entwickelt bis 1968 eine neue Konzeption für diese Bühne, die schließlich zur heutigen Namensgebung »Musikalische Komödie« führt. Doch zunächst führt das Ensemble im »Kleinen Haus« in der Spielzeit 1960/61 Stücke der Oper fort: Mozarts »Così fan tutte«, Adams »Der Postillon von Lonjumeau« oder das Ballett »Eine Tochter Kastiliens« von Glière. Opern von Haydn, Mozart, Lortzing, Donizetti, Rossini, Puccini bis Britten feiern in den nächsten Jahren Premiere. Höhepunkte dieses Repertoires sind sicherlich die Joachim-Herz-Inszenierung von Brecht/Weills »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« und die Erstaufführung der Revolutionsoper »Der letzte Schuss« von Siegfried Matthus 1967. Das Leipziger Ballett unter Emmy Köhler-Richter tritt in den 1960er Jahren auch im Kleinen Haus auf. Ballettabende mit Musik von Gershwin, Weill, Chatschaturjan, Prokofjew und Strawinsky liegen den bisherigen Operettenmusikern ebenfalls und sind neben dem Operettenrepertoire auch beim Publikum sehr beliebt.

Grandseigneur mit nachhaltigem Erbe. Vor allem gelingt es den Verantwortlichen in Haus und Ensemble, künstlerisch die Geschichte der Leipziger Operette mit weiteren Erfolgen fortzuschreiben. Der Wiener Kapellmeister und Komponist Adolf Hofmann als Grandseigneur am Haus dirigiert einerseits das klassische Operettenrepertoire (»Die Csárdásfürstin«, »Das Spitzentuch der Königin«, »Mamz’elle Nitouche«), bringt aber auch in seinen letzten Spielzeiten noch Leipziger Erstaufführungen heraus wie Fred Waldes Operette »Schwarze Rosen« über die Bürgerrechtsbewegung in den USA (1961) oder Gerd Natschinskis »Messeschlager Gisela« (1962) mit explizitem Leipzig-Sujet. Dieses Gespür für das sich zu engagieren lohnende Neue verbindet ihn übrigens mit dem späteren langjährigen Chefdirigenten des Orchesters, Roland Seiffarth. Dieser wird 50 Jahre später ebenfalls am Ende seines Wirkens am Haus die deutschsprachige Erstaufführung des Musicals »Lend Me A Tenor« leiten (2013) und damit seine Dirigentenlaufbahn mit einem vielbeachteten Erfolg krönen. So geht es Adolf Hofmann auch, der seit 1939 mit dem Ensemble als musikalischer Leiter verbunden ist und es mit seinem aus persönlicher Bekanntschaft mit zahlreichen Operettenkomponisten heraus entwickelten Stil geprägt hat, vom Neuen Operettentheater in der Bosestraße bis zur heutigen Musikalischen Komödie in der Dreilindenstraße. Hofmann bringt mit »Messeschlager Gisela« gegen Abschluss seiner Karriere erstmals ein Stück des jungen Gerd Natschinski auf die Leipziger Bühne, dessen Erfolg für das zukünftige künstlerische Profil dieses Theaters richtungsweisend ist. Zusätzlich eröffnet er damit eine Natschinski-Musical-Serie am Haus, die bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts anhalten wird.

Tragfähiges künstlerisches Profil und einmaliger Name. Das »Kleine Haus« operiert künstlerisch sehr breit aufgestellt zwischen großer und zeitgenössischer Oper, Ballett, Singspiel, Operette und beginnendem Musical. Besondere Erfolge erzielen aber nach wie vor Operetten, besonders Klassiker von Offenbach (»Orpheus in der Unterwelt«, »Pariser Leben«, »Die schöne Lurette«, »Die Banditen«) sowie Millöcker, Strauß und Fall. Uraufführungen neuer, musikalisch zum Musical tendierender Operetten (»Urlaub ins Glück«, »Rund ist die Welt« von Wolfram Heicking) und Erstaufführungen im Haus wie »In Frisco ist der Teufel los« von Guido Masanetz 1965 unter Kapellmeister Diether Noll sind allerdings im Vergleich so erfolgreich, dass der Plan gefasst wird, sich wieder mehr auf dieses Repertoire zu fokussieren und die Bandbreite der Genres Operette, komische Oper und Musical durch einen übergeordneten Theater- und Ensemblenamen auszudrücken. Direktor Wolfang Weit findet eine solche Bezeichnung, welche wie die Berliner »Komische Oper« selbst ein Genrebegriff ist und gleichzeitig das Repertoire unter einem schlagkräftigen Namen zusammenfasst. Dieser wird in Abstimmung mit dem Generalintendanten der Leipziger Theater Prof. Karl Kayser zu Beginn der Spielzeit 1968/69 dem Theaterhaus und damit auch dem Ensemble selbst verliehen: er lautet »Musikalische Komödie«. Im Interview mit Pressereferentin Martina Aurich begründet Wolfgang Weit diese Entscheidung mit der Tatsache, dass das »Kleine Haus« damals mit 1193 Plätzen das sechstgrößte Theater der DDR ist (und damit fast genauso viele Plätze hatte wie das Opernhaus heute) und man außerdem inhaltlich keine Kammerbühne für kleine Formen des Musiktheaters sei. Diese werden nämlich im Kellertheater des Opernhauses, das übrigens mit der Produktion von Strawinskys »Geschichte vom Soldaten« 1969 musikalisch eine Domäne des Orchesters der Musikalischen Komödie wird, geboten. Sondern man wolle mit der Namensgebung »ein bestimmtes Genre nach außen hin kenntlich machen: Von der Oper bis zum Singspiel, von der Wiener über die nachklassische Operette bis zum Musical – das alles sind Formen der MUSIKALISCHEN KOMÖDIE«. Die erste Premiere unter neuem Theateramen ist ein Broadway-Musical: Cole Porters »Can-Can« am 2. September 1968. Es ist Wolfgang Weits unschätzbares Verdienst, dem Ensemble und dem Haus ein spezifisches Profil und einen schlagkräftigen Namen gegeben zu haben, der obendrein als kluger Schachzug einmalig und unverwechselbar ist – übrigens weitblickenderweise damals schon und bis heute in ganz Deutschland.
»Name verpflichtet«: Das Programm der »Musikalische Komödie«. Nachdem Direktor Wolfgang Weit gemeinsam mit der Generalintendanz den neuen Theater- und Ensemblenamen »Musikalische Komödie« proklamiert hat, der für Operette, Musical und auch die komische Oper Raum gibt, gilt es, ihn mit Leben zu füllen. Die ersten Premieren als »Musikalische Komödie« in der Spielzeit 1968/69 sind Cole Porters Paris-Musical »Can-Can« am 2. September, gefolgt von Benjamin Brittens heiterer Kammeroper »Albert Herring« am 15. September. Als erste Operette unter neuem Namen erscheint am 17. November Millöckers »Gasparone«. Gisela May vom »Berliner Ensemble« gastiert im Dezember 1968 in Brecht/Weills »Die 7 Todsünden der Kleinbürger«. In den 70er und 80er Jahren gibt es ein ausgeprägtes Solistenensemble mit zahlreichen Publikumslieblingen. Unter vielen anderen sind das damals Christa Nowak, Ilha Kürten, Christel Guck, Barbara Helgert, Brigitte Kreuzer, Angela Mehling, Anne-Kathrin Fischer, Edgar Wählte, Dieter Scholz, Walter Reimsbach, Hans-Gottfried Henkel, Hans-Peter Eichhorn, Dietrich Hergt, Manfred Brendel, Piotr Kolodziej, Folker Herterich und Karl Zugowski. Lisa Thomas-Muschau und Werner Ebert sind die letzten Eminenzen aus der Zeit des Neuen Operettentheaters im Ensemble. Neben Chefdirigent Walther Hessel und ab 1978 Roland Seiffarth stehen die Kapellmeister Werner Feder und Ralph Rank am häufigsten am Pult.

Musicals aus Fern und Nah. Das Spielen von Musicals setzt sich in der Musikalischen Komödie in den nächsten Jahren im begonnenen zweigleisigen Verfahren fort: Einerseits gelangen Broadway- und internationale Musicals bis 1990 zur Erstaufführung für die DDR (unter anderem Mitch Leighs »Der Mann von La Mancha«, Udo Jürgens‘ »Helden, Helden«, Robert Wrights »Kismet«, Ferry Olsens »Wonderful Olly«) oder sind erstmals in Leipzig zu sehen (»Hello, Dolly!« 1972, »Cabaret« 1977, »Sweet Charity« 1981, »Annie get Your Gun« und »Alexis Sorbas« 1982, »Show Boat« 1984, »Oklahoma!« 1985, »Sugar« 1989). Andererseits pflegt man das sich seit Ende der 50er Jahre entwickelnde Repertoire der auf dem Gebiet der DDR entstehenden Musicals. Komponisten wie Conny Odd (»Karambolage«, »Olala, Mademoiselle«, Uraufführung 1972), Alo Koll (»Die Wette des Mister Fogg« nach Jule Vernes »In 80 Tagen um die Welt«, Uraufführung 1971), Gerhard Kneifel (»Bretter, die die Welt bedeuten«), Rolf Zimmermann (»Connie und der Löwe«) und vor allem Gerd Natschinski (»Mein Freund Bunbury« in drei Inszenierungen, »Terzett« mit dem Komponisten am Pult bei der Uraufführung 1974, »Das Decameronical«, »Caballero« als Uraufführung 1988), stehen häufig auf dem Spielplan. Zahlreiche Textbücher mit spitzzüngigen subversiven Zeitbezügen stammen von Jürgen Degenhardt. Großen Anteil insbesondere an Musicalerfolgen haben die Choreographien der Ballettchefs Wolfgang Baumann und Monika Geppert. Ab 1984 wird mit dem Zweipersonen-Broadway-Musical »Das musikalische Himmelbett« von Harvey Lester Schmidt der historische »Venussaal« als Spielstätte innerhalb der Musikalischen Komödie für klein besetzte Stücke genutzt. Diese firmieren heute als »Kleine Komödie«.

»Mehr Operette wagen!«. Frei nach Willy Brandt gesprochen, ist dies dem Theater 1968 auch acht Jahre nach dem Ablegen des ehemaligen Namens ein wichtiges Anliegen. Operetten bekommen im Spielplan einen höheren Stellenwert. Im Repertoire sind in den nächsten zehn Jahren Werke wie Offenbachs »Die Großherzogin von Gerolstein«, »Ritter Blaubart«, »Orpheus in der Unterwelt«, »Madame Favart« und »Pariser Leben«, Suppès »Banditenstreiche«, »Boccaccio« und »Die schöne Galathée«, Millöckers »Bettelstudent«, Heubergers »Opernball«, Gilberts »Keusche Susanne«, Linckes »Frau Luna« in der Fassung von Otto Schneidereit, Nedbals »Polenblut«, Künnekes »Vetter aus Dingsda«, Benatzkys »Im weißen Rössl«, Lehárs »Zigeunerliebe« oder seine seltener gespielte Operette »Das Mädchen aus Paris« in Inszenierungen von Wolfgang Weit, Erwin Leister, Günter Lohse, Günter Thielemann oder Uwe Wand zu sehen. 1974 realisiert Opernkapellmeister Roland Seiffarth mit Kálmáns »Csárdásfürstin« seine vielbeachtete erste Einstudierung an der Musikalischen Komödie. Dem Ensemble ist er seit 1967 bekannt, als er »My Fair Lady« übernimmt. Er löst Walter Hessel 1978 als Chefdirigent des Orchesters der Musikalischen Komödie ab. Unter Seiffarths Leitung wird der Spielplan wieder ausschließlich auf Operette und Musical ausgerichtet. Gemeinsam mit den Direktoren Weit und Winter sowie Oberspielleiter Erwin Leister bringt er dabei ab 1980 auch altrenommierte Komponisten aus der Bundesrepublik und Österreich erstmals seit den frühen 50er Jahren wieder in den Spielplan beziehungsweise macht sie überhaupt salonfähig. Das gilt etwa für Friedrich Schröder (»Das Bad auf der Tenne«), Bernhard Eichhorn (»Das Glas Wasser oder Barock and Roll«), Erwin Halletz (»Die Gräfin vom Naschmarkt«), Robert Stolz (»Der Tanz ins Glück«, »Trauminsel«, beides DDR-Erstaufführungen), oder Nico Dostal (»Doktor Eisenbart«, »Die ungarische Hochzeit«). Zusätzlich holt Roland Seiffarth den längst vergessenen jüdischen Komponisten Paul Abraham 1988 mit der ersten Leipziger Aufführung von dessen frivol-jazziger Operette »Ball im Savoy« seit 1932 wieder ins Bewusstsein zurück. Die »Blume von Hawaii« folgt kurz nach der deutschen Wiedervereinigung 1990.

Restaurative Zeit mit wenig Restaurierungen. In den 60er Jahren wäre Seiffarths Eintreten für Komponisten wie Dostal oder Schröder womöglich als anachronistisch oder gar revanchistisch ausgelegt worden. Doch in den 80er Jahren hat er damit berechtigten Erfolg. Die »späte DDR« springt gewissermaßen sogar auf diesen Zug auf und schmückt sich beispielsweise damit, Heimstätte für westdeutsche Operetten- und Musicalautoren zu sein, die dort teils wegen Auflösung von Ensembles oder Schließung von Spielstätten um ihre Aufführungsmöglichkeiten bangen. Im Bereich der devisenrelevanten Kultur restauriert der Staat kriegszerstörte Prestigeobjekte wie das Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (1984) oder die Semperoper Dresden (1985). In Leipzig wird nach dem 1968 erfolgten Abriss der Gewandhausruine 1981 ein Neubau errichtet. Davon abgesehen verfallen allerdings große Teile der Bausubstanz, eine »Verrottungsstudie«, wie Peter Korfmacher 2012 den Umgang mit der Musikalischen Komödie beginnend während der DDR-Zeit nennt. Abgesehen von einer marginalen Bühnenvergrößerung nach dem glücklicherweise glimpflichen Sturz eines Sängers in den Orchestergraben (1968 beim Musical »Fanny«) und der Erneuerung des Tonstudios 1979 wird hier im baulichen Zustand von 1952 gespielt. Dies ist damals quasi für die gesamte Stadt symptomatisch. 1983 sagt der Leipziger Kabarettist und Autor Bernd-Lutz Lange in einem Sketch als imaginärer Reiseführer vor Schweizer Touristen treffend: »Bei uns sind nur die Mieten, nicht die Häuser stabil«. Die Friedliche Revolution kommt 1989 für viele historische Bauten, zu denen auch die Musikalische Komödie gehört, gerade noch rechtzeitig.

Neuprofilierung im vereinigten Deutschland. Mit der Auflösung des Städtischen Theaterverbundes im Zuge der politischen Wende wird die Musikalische Komödie im Mai 1990 Bestandteil der Oper Leipzig unter der Intendanz von Prof. Udo Zimmermann mit zunächst eigener Direktion. Unter Direktorin Monika Geppert kommt es 1992/93 nach Plänen des Architekturbüros »Legge & Partner« zu einer Teilsanierung des Hauses, ohne welche dauerhaft kein Spielbetrieb mehr möglich gewesen wäre. Bis zum Beginn einer vollständigen Renovierung und Umgestaltung dauert es allerdings bis 2014. Finanzierungsdebatten der 1990er und 2000er Jahre übersteht die Musikalische Komödie dank eines ungebrochen großen Publikumszuspruchs und Rückhalts in Leipzigs Bürgerschaft sowie darüber hinaus. 1999 gründen sich die »Freunde und Förderer der Musikalischen Komödie Leipzig e.V.«. Sie unterstützen das Theater substanziell und werden mit jährlichen Veranstaltungen wie dem von Peter Zimmer präsentierten »Leipziger Operettenball« und mit Publikationen wie »150 Jahre Operette in Leipzig« von Doris Fischer und Leonhard Czernetzki (2009) zu einem Forum für Freunde der Operette und des Musicals.
Das Ensemble absolviert in den 1990er Jahren Tourneen durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Es wird in der Jahrhunderthalle Frankfurt/Main ebenso gefeiert wie in Winterthur oder der Kölner Philharmonie. Im Sommer 1992 gastiert es vier Wochen am Deutschen Theater München mit dem »Zarewitsch«. Diese Inszenierung von Karl Absenger (Premiere 1991) eröffnet die nun endlich wieder mögliche Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern, Regisseuren, Bühnenbildnern, Sängern und Dirigenten aus der ganzen Bundesrepublik. Die Menge allein der berühmten und beliebten Operetten- und Musicaldarsteller in den letzten drei Jahrzehnten an der Musikalischen Komödie würde Seiten füllen.
Musikdirektor Roland Seiffahrth schenkt bis zu seinem Ruhestand 2013 den Werken von Johann Strauß, Jacques Offenbach, Robert Stolz besonders Franz Lehár verstärkt Aufmerksamkeit: »Der Graf von Luxemburg«, »Land des Lächelns«, »Giuditta«, »Paganini« und »Der Zarewitsch« kommen unter seiner Leitung zur Premiere. Unter seinen Nachfolgern Stefan Diederich und Stefan Klingele folgen »Zigeunerliebe«, »Das Fürstenkind« und »Die Juxheirat« (2021). Klingele legt ab 2015 neben Repertoireoperetten den Focus auf musikalische Neu- und Wiederentdeckungen. So ist Nico Dostals »Prinzessin Nofretete« 2016 im wahrsten Sinne des Wortes die erfolgreichste »Ausgrabung« seit langem und wird in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk 2017 auf CD veröffentlicht. Operetten-Bearbeitungen von Erich Wolfgang Korngold sind eines von Klingeles Hauptprojekten. »Das Lied der Liebe« nach Johann Strauß erscheint in Zusammenarbeit mit Deutschlandfunk Kultur unter seiner Leitung mit dem Ensemble der Musikalischen Komödie 2018 auf CD, die Korngold-Bearbeitung von Leo Falls »Rosen aus Florida« mit denselben Medienpartnern 2020 ebenso. Positive Rezensionen im MDR, BR sowie dem Deutschlandfunk bringen dem Ensemble der Musikalischen Komödie überregionales Renommee. Der Bayerische Rundfunk zeichnet 2019 die von Kapellmeister Tobias Engeli einstudierte Kálmán-Operette »Die Herzogin von Chicago« in der Inszenierung von Ulrich Wiggers aus. Für die Ausstrahlung des Hauses bedeutend ist auch die von Roland Seiffarth 1998 ins Leben gerufene Zusammenarbeit mit dem Dirigentenforum des Deutschen Musikrates, welche junge Dirigentinnen und Dirigenten an Operettenmusik heranführt. Die von MDR Kultur viele Jahre live übertragenen Abschlusskonzerte sind Höhepunkte zu Beginn eines jeden neuen Jahres. Stefan Klingele greift nach Seiffarths Ruhestand die Reihe auf und setzt sie mit einem veränderten Konzept fort.

Musical und Show. Die Musikalische Komödie baut sich ihren heutigen überregionalen Ruf als progressives Musical-Theater auf mit Stücken wie »West Side Story«, »La Cage Aux Folles«, »Anatevka«, »Alexis Zorbas«, »Evita«, »Jesus Christ Superstar«, »The Rocky Horror Show«, »Hair«, »Kiss me Kate«, »Hello, Dolly!« und Gershwins »Crazy For You«. Uraufführungen am Haus sind die Musicals »Elixier« (1998), »Heidi« (2004) und »Wagners Ding mit dem Ring« (2013) zu Richard Wagners 200. Geburtstag. 2014 wird mit Cusch Jung erstmals ein Musical-Regisseur Oberspielleiter am Haus. Jung hatte 2011 mit »Jekyll & Hyde« von Frank Wildhorn außerordentlichen Erfolg. Mit weiteren Werken dieses Musical-Komponisten wie »Der Graf von Monte Christo« als deutschsprachige Erstaufführung (2012) und »Dracula« (2016) setzt er diese Reihe fort. Jungs Regiearbeiten wie »Love Musik« über das Leben von Kurt Weill und Lotte Lenya sowie Lucy Simons »Doktor Schiwago« (2018 als deutschsprachige Erstaufführung) werden ebenfalls zu vielbeachteten Erfolgen. Jung engagiert außerdem Thomas Hermanns als Regisseur für »Hape Kerkelings Kein Pardon«. Das klassische Musical kommt im Rahmen von Leonard Bernsteins 100. Geburtstag zum Tragen mit der Musicalfassung seiner Oper »Candide« und vor allem seinem Musical »On The Town« (beides Jung-Inszenierungen). »On The Town« wird sowohl im Haus selbst wie auch auf Gastspielen gefeiert. Daneben begleitet das Ensemble auch Künstler der Showbranche sowie ganze Bands. Den Anfang macht die Dresdner Band »MerQury« 2007 mit dem Projekt »Queen Klassical«. Das Orchester der Musikalischen Komödie musiziert im Rahmen des Festivals »Klassik Open Air« auf dem Berliner Gendarmenmarkt mit Künstlern wie den »Supremes«, der Sopranistin Anna Maria Kaufmann, dem Countertenor Jochen Kowalski oder der Jazzsängerin Pascal von Wroblewsky. Seit 2015 besteht mit der Leipziger Band »Die Prinzen« enger Kontakt. Nach einer gemeinsam mit den Prinzen produzierten DVD geht das Orchester mehrfach mit der Band auf Tournee. Es spielt dabei unter anderem 2018 unter der Leitung von Tobias Engeli als erstes Leipziger Orchester in der neuen Hamburger Elbphilharmonie und musiziert 2019 auf einer Open-Air-Prinzen-Tournee zusätzlich mit Christina Stürmer und dem Duo »Fools Garden«.

Spieloper und Musiktheater für Kinder. Im Bereich komische Oper liegt ab den 2000er Jahren der Schwerpunkt auf Spielopern wie »Martha« oder »Die lustigen Weiber von Windsor«. Daneben sind Raritäten zu erleben wie Grétrys »Die beiden Geizigen« (2007) unter der musikalischen Leitung von Werner Erhardt (»Concerto Köln«). Seit 2010 steht das Werk Albert Lortzings im Mittelpunkt mit Inszenierungen von »Zar und Zimmermann«, »Der Waffenschmied« sowie »Der Wildschütz«. Auch unter Musikdirektor Stefan Klingele wird die Werkpflege Lortzings fortgesetzt mit Aufführungen seines Oratoriums »Die Himmelfahrt Christi« in der Leipziger Peterskirche sowie der erstmals am Haus zu erlebenden Lortzing-Oper »Casanova« (2018) in der Inszenierung von Cusch Jung.
Eine weitere Säule im Spielplan der Musikalischen Komödie bildet seit Jahrzehnten Musiktheater für Kinder, seit der Intendanz von Prof. Ulf Schirmer ergänzt durch Angebote für Jugendliche unter der Rubrik »Junge Oper«. Von 1994 bis 2019 ist Harold Arlens »Der Zauberer von Oss« ein Dauerbrenner im Spielplan, den mehrere Generationen sehen. Maurice Ravels »Das Kind und der Zauberspuk« und Camille Saint-Saëns‘ »Der Karneval der Tiere« bieten 2008 erstmals am Haus Oper beziehungsweise Ballett für Kinder. Ballette in Choreographien von Ballettchef Mirko Mahr setzen diese Reihe erfolgreich fort: »Aschenputtel« mit Musik von Johann Strauß, »Alice im Wunderland« als von Kapellmeister Tobias Engeli mit einer Eigenkomposition zusammengestelltes Pasticcio, Prokofjews »Romeo und Julia« und Bizets/Schchedrins »Carmen« als Ballette für Jugendliche. Überregionale Aufmerksamkeit erregen die Opernproduktionen »Der Ring für Kinder« und »Der Freischütz für Kinder« in Inszenierungen von Jasmin Solfaghari. Konzerte mit Brittens »Young Person’s Guide To The Orchestra«, dem musikalischen Märchen »Peter und der Wolf« von Prokofjew sowie »Paddington Bärs erstes Konzert« von Herbert Chappell ergänzen das Repertoire. Als Basisangebot für Kindergarten- und Grundschulkinder finden außerdem zahlreiche »Instrumentenkunde«-Veranstaltungen durch Musiker der Musikalischen Komödie in Zusammenarbeit mit der Theaterpädagogik der Oper statt. In der Reformierten Kirche Leipzig spielt das Orchester seit vielen Jahren im Rahmen des Musikfestivals »Klassik für Kinder«.

Die Musikalische Komödie – ein »emotionaler Zustand«. Durch die Säulen Operette, Musical und die speziellen Musiktheaterangebote für Kinder und Jugendliche ist die Musikalische Komödie heute künstlerisch und wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Die in vielen Bereichen positive Entwicklung Leipzigs zeigt sich auch im Erblühen ihrer Kultur. Investoren schätzen sie mehr als nur als »weichen Standortfaktor«. Die Musikalische Komödie wirbt seit Jahren mit dem Wahlspruch »kultig, herzlich, original«. Und mit ihrem künstlerischen Profil und ihrer räumlichen Lage inmitten der Leipziger »Westkultur« ist sie tatsächlich Kult bei Jung und Alt. Patrick Rohbecks Revuestück »Capriolen – die Lindenauer Palastrevue« lässt seit der Premiere 2016 regelmäßig die Geschichte der Revue, aber auch des Hauses und Ensembles lebendig werden und zeigt gleichzeitig, wie hochwertig am Haus inszeniert wird. Als Prof. Ulf Schirmer 2011 Intendant der Oper und damit der Musikalischen Komödie wird, konstatiert er: »Die Musikalische Komödie ist nicht nur ein Theater, sie ist ein emotionaler Zustand. Sie spüren dort diese festliche Stimmung, die einst mit Theaterbesuchen verbunden war. Und das Ensemble und das Orchester, sie verstehen es, die festliche Erwartungshaltung zu beantworten und über den Abend zu tragen« (Leipziger Volkszeitung, 20.09.2011) Sein Credo lautet damals: »Wir müssen die ‚MuKo‘ entwickeln im Sinne des Gesamtprojektes Oper Leipzig. Sie ist einzigartig«. Unterstützt vom Betriebsdirektor Torsten Rose und dem technischen Direktor Frank Schmutzler entwickelt Schirmer gemeinsam mit Oberbürgermeister Burkhard Jung ein Konzept zur umfassenden Renovierung und baulichen Veränderung der Musikalischen Komödie. Dieses Konzept wird vom Leipziger Stadtrat mit einstimmigem Beschluss angenommen und zunächst bei laufendem Betrieb bis 2021 gemeinsam mit Architekt Wolfgang Brauer und Baumeister Volker Längrich realisiert. 2019/20 muss dafür das Ensemble in ein Interim ziehen. Im »Westbad« am Lindenauer Markt feiert das Ensemble mit Produktionen wie der Schlagerrevue »Spiel mir eine alte Melodie«, dem Ballettabend »Zorbas/ Balkanfeuer« sowie den Musicals »Kuss der Spinnenfrau« und »Bretter, die die Welt bedeuten« Erfolge. Die »Corona-Pandemie« verhindert indessen 2020/21 etliche Produktionen bis zum Wiedereinzug im April 2021.
Mit der Einweihung der umgebauten und renovierten Musikalischen Komödie erhält ihr 120 Jahre altes Ensemble 2021 nicht nur erstmals seit 1943 hervorragende Arbeitsbedingungen, sondern die Stadt Leipzig übergibt dem Publikum ein modernisiertes kulturelles und städtebauliches Juwel zurück: Leipzigs einzig erhaltenes Theatergebäude aus der Jugendstilzeit. Die Musikalische Komödie erstrahlt inmitten des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes »Drei Linden« als dessen Zentrum in neuem Glanz. In diesem Sinne ist neben der Verpflichtung zum Bewahren der langen Operetten- und Musical-Tradition vor allem mit innovativen Impulsen aus und in der neuen Musikalischen Komödie zu rechnen, getreu dem Wahlspruch des französischen Komponisten Grétry: »Auf dass ewig Komödien erklingen in diesem so schönen Haus!«.
Frey: Franz Lehár, der letzte Operettenkönig, Wien 2020

Geltinger/Reichardt: Das Operetten- und Musicalhaus mit Tradition: Ihre Musikalische Komödie. Leipzig, 2012

Fischer/Czernetzki: 150 Jahre Operette in Leipzig. Leipzig, 2009

Schinköth (Hrsg.): Musikstadt Leipzig im NS-Staat. Altenburg 1997

Richter/Aurich: 20 Jahre DDR, 20 Jahre Leipziger Theater. Leipzig 1969

Programmhefte der genannten Institutionen aus eigenem Besitz sowie dem Archiv des Fördervereins der Musikalischen Komödie

pandemiebedingt Online-Recherchen in Katalogen der DNB, der AdK, des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig u.a.

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